Gleiche Chancen? Je früher, desto besser!

Bildungsgerechtigkeit im deutschen Schulsystem

Um die Chancengleichheit für Kinder aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen ist es im deutschen Bildungssystem nicht gut bestellt – dabei ist sie ein entscheidender Punkt eines gerechten Gesellschaftssystems. Prof. Dr. Ludger Wößmann vom ifo Zentrum für Bildungsökonomik München fordert: Bildungspolitik muss ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Gleiche Chancen sind ein wesentlicher Faktor eines gerechten Gesellschaftssystems. Nach dem Konzept des Politökonomen John Roemer können unter mangelnder Chancengleichheit diejenigen Formen von Ungleichheit verstanden werden, die auf Umständen wie Geschlecht, Herkunft oder familiärem Hintergrund beruhen, die außerhalb der Kontrolle des einzelnen Menschen liegen. Neben fehlender Chancengleichheit kann Ungleichheit auch weitere Ursachen wie Unterschiede in der individuellen Anstrengung haben. Solche Aspekte von sozialer Ungleichheit sollten gemäß diesem Konzept toleriert werden, fehlende gleiche Möglichkeiten hingegen nicht.

Bildungserfolg hängt vom familiären Hintergrund ab

Chancengleichheit wird insbesondere im Bildungssystem angelegt – jedoch zeigt der Blick auf Deutschland, dass dort Kinder aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen nicht dieselben Möglichkeiten erhalten: Zahlreiche Studien belegen, dass gerade hierzulande der Bildungserfolg stark vom familiären Hintergrund abhängt. Beispielsweise liegen die Mathematikleistungen von 15-jährigen Schüler*innen aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status im Durchschnitt etwa vier Schuljahre hinter den Leistungen von jenen mit hohem sozioökonomischen Status zurück. Die Empfehlung, ein Gymnasium zu besuchen, ist bei Kindern in besser situierten Familien rund 2,5-mal wahrscheinlicher wie bei Kindern aus Arbeiterfamilien – selbst bei gleichen fachlichen Leistungen. Und wenn es an die Hochschule geht, studieren 79 Prozent der Kinder von Akademikern, aber nur 27 Prozent der Kinder von Nichtakademikern. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Menschen selbst mündig werden, sind die Chancen für den weiteren Bildungs- und Berufsverlauf also längst nicht mehr gleich verteilt.

Es ist zu befürchten, dass sich diese Situation durch die Corona- Pandemie noch weiter verschärft. Die aktuelle Forschung zeigt, dass leistungsschwache Schüler*innen von den coronabedingten Schulschließungen besonders hart getroffen wurden. Vor den Schließungen haben Schüler*innen mit unter- und überdurchschnittlichen Noten etwa gleich viel Zeit mit Lernen verbrachten, nämlich rund 7,5 Stunden täglich. Der Rückgang der täglichen Lernzeit fiel bei Schüler*innen mit unterdurchschnittlichen Noten mit 4,1 Stunden deutlich stärker aus als bei leistungsstärkeren Schüler*innen mit 3,7 Stunden. Anders als sich vielleicht vermuten ließe, fiel die Verringerung der Lernzeit bei Kindern von Eltern ohne Hochschulabschluss nicht größer aus als bei Akademikerkindern. Leistungsschwache Schüler*innen haben ihre Lernzeit besonders stark durch Aktivitäten wie Fernsehen oder Computerspielen ersetzt, die für die Entwicklung eher schädlich sind. Ebenso scheinen diese Schüler*innen von der mangelnden Unterstützung durch Lehrkräfte besonders betroffen zu sein – was weder durch Eltern noch durch Schulen kompensiert wurde, die leistungsschwache Schüler*innen während der Schulschließungen vergleichsweise weniger unterstützt haben.

Ungleiche Chancen wirken sich auf späteren Lebensstandard aus

Für die Chancengleichheit in unserer Gesellschaft sind diese Befunde ein großes Problem. Denn die Arbeitsmarktforschung zeigt, dass Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen, die in Kindheit und Jugend erworben wurden, wesentliche Bestimmungsfaktoren der wirtschaftlichen Chancen sind. Jedes zusätzliche Bildungsjahr geht durchschnittlich mit rund zehn Prozent höherem Arbeitseinkommen einher. Auch sind nur vier Prozent der Personen mit einer berufsqualifizierenden Ausbildung und zwei Prozent der Akademiker arbeitslos. Demgegenüber steht die Arbeitslosigkeit von nahezu 20 Prozent bei Personen ohne berufsqualifizierenden Abschluss. Wer in Bildung investiert, versetzt Menschen also in die Lage, sich ertragreich in die Gesellschaft einzubringen.

Von Anfang an: Fokus auf Bildungspolitik

Deshalb muss die Bildungspolitik – insbesondere die Phase bis zum Ende des allgemeinbildenden Schulsystems – ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, wenn es um Chancengleichheit in unserer Gesellschaft geht. Bei Kindern, deren Familien nicht selbst sicherstellen, dass ihr volles Bildungspotenzial ausgeschöpft wird, hat der Staat eine fundamentale Aufgabe. Das ist leichter gesagt als getan, denn Bildungspolitik ist nicht allmächtig.

Die Schule kann nicht komplett ersetzen, was in den Familien versäumt wird. Gleichwohl gibt es klare Belege, dass Bildungspolitik etwas bewegen kann. Dabei geht es weniger um höhere Bildungsabschlüsse als in erster Linie darum, ein Fundament an Kompetenzen zu schaffen, das zur eigenverantwortlichen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben befähigt.

Bildung ist ein dynamischer Prozess, der auf dem bisher Erlernten aufbaut. Deshalb ist es wichtig, schon in die frühkindliche Bildung und in die Grundschulen zu investieren. Sie müssen quantitativ und qualitativ so ausgelegt sein, dass auch Kinder aus benachteiligten Verhältnissen gut auf das weiterführende Bildungssystem vorbereitet sind. Die internationale Forschung belegt, dass frühkindliche Bildungsprogramme gerade bei Kindern aus benachteiligten Verhältnissen langfristig sehr effektiv die Bildungs- und Arbeitsmarkterfolge fördern können.

Spätere Aufteilung im Schulsystem

Als weiterer wichtiger Einflussfaktor auf die Chancengleichheit hat sich in der Forschung die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems erwiesen. An dieser Stelle würde eine spätere Aufteilung auf verschiedene Schularten die Chancen von Kindern aus benachteiligten Verhältnissen erhöhen, ohne dass darunter die besten Schüler*innen leiden. Schließlich reichen Maßnahmen nach dem Gießkannenprinzip nicht aus, um Ungleichheiten auszugleichen. Benachteiligte Gruppen müssen mit gezielten Maßnahmen gefördert werden. Und sollte es in der Corona-Pandemie zu weiteren Schulschließungen kommen, so bedarf es verbindlicher Distanzlernkonzepte, die besonders auf leistungsschwache Schüler*innen ausgerichtet sind.

Säule der sozialen Marktwirtschaft

Es ist ein zentrales Versprechen der sozialen Marktwirtschaft, die Menschen zu eigenverantwortlicher Teilhabe an der Gesellschaft zu befähigen. Dies kann nur eine Bildungspolitik leisten, die gleiche Startchancen schafft. Damit wird Bildungspolitik künftig zu einer tragenden – und bisher allzu oft sträflich vernachlässigten – Säule der sozialen Marktwirtschaft.

Prof. Dr. Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Foto: iStock / lovro77

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