Prodemokratisch Lehren und Lernen

Demokratieförderndes Lehr-Lern-Klima an Schulen und Hochschulen

Rechte Parteien sind im Aufschwung, antisemitische Gewalttaten nehmen zu: Das Wissen um demokratische Werte und Prinzipien ist aktuell wichtiger denn je. Doch an Schulen und Hochschulen werden demokratiefördernde Inhalte nicht immer ausreichend berücksichtigt. Modellprojekte zeigen, was gelingende Demokratieerziehung ausmacht – und wie Lehrende und Lernende auf Augenhöhe kommunizieren können.

Demokratie beginnt in der Schule – davon ist Florian Beer überzeugt. „Schule ist ein Ort, an dem unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammen- und miteinander ins Gespräch kommen – das hat man eigentlich nirgendwo sonst“, betont der ehrenamtliche Experte des Referats Bildungspolitik der GEW NRW. Im täglichen Miteinander könnten Kinder und Jugendliche lernen, die Positionen anderer zu verstehen und zugleich für die eigene Meinung einzutreten. „Idealerweise wird eine offene Diskussions- und Streitkultur eingeübt – ein zentraler Bestandteil einer gelingenden Demokratieerziehung.“ Dabei komme gerade der frühen Prägung von Kindern und Jugendlichen eine große Bedeutung zu: „Hier kann man junge Menschen gut erreichen. Ihre Weltbilder sind noch nicht gefestigt“, sagt Florian Beer. Eine ähnliche Wirkung schreibt Pia Rojahn der Lehre an Universitäten zu – wenngleich die Voraussetzungen etwas andere seien.

„Im Unterschied zur Schule teilen die Studierenden in der Regel ein gemeinsames Interesse, und sie sind mündig und entscheidungsfähig“, erklärt die Mitarbeiterin des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Als Ort der Wahrheitssuche trage aber auch die Universität dazu bei, Pluralität kennenzulernen und zugleich ein Gefühl der Gleichwertigkeit zu vermitteln. „In der Forschung gibt es viele unterschiedliche Positionen – sie ist voller Hindernisse und Irritationen. Über die gemeinsame Auseinandersetzung mit einem Thema lernen Studierende, dass diese Positionen gleich viel wert sind – und dass es dazugehört, auch die Meinung anderer auszuhalten.“

Hierarchien drängen Demokratieförderung an Hochschulen in den Hintergrund

Die allgemeinen Strukturen an Universitäten ließen Fragen der Demokratieförderung allerdings teilweise in den Hintergrund treten. „Auch wenn sich die Institution verändert hat, gibt es immer noch starke Hierarchien und Machtgefälle – etwa den einen bekannten Professor, der bestimmte Mitarbeitende hat, und diese Mitarbeitenden sind von ihm abhängig“, betont Pia Rojahn, die sich auch im Leitungsteam des Gremiums Hochschule und Forschung der GEW NRW engagiert. Hinzu komme ein hoher Konkurrenzdruck – ebenso wie die zunehmende Ökonomisierung des Forschungsbetriebs: Statt unabhängig von wirtschaftlichen Interessen zu forschen, gehe es immer stärker darum, innovative Erkenntnisse als Produkte zu vermarkten und sie somit nach rein unternehmerischen Gesichtspunkten zu nutzen. „Die Idee, Dinge kritisch zu hinterfragen und die Öffentlichkeit bei der Forschung mitzudenken, wird damit zunehmend ausgeschaltet.“

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„In meiner Lehre dreht sich viel um politische Bildung und Urteilskraft.
So möchte ich die Studierenden darauf vorbereiten, verantwortungsvolle
Lehrkräfte zu werden.“

Pia Rojahn
Lehrende an der Bergischen Universität Wuppertal
und Mitglied im Leitungsteam Hochschule und Forschung der GEW NRW

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Vor diesem Hintergrund geht Pia Rojahn im Unterrichten von Lehramtsstudierenden besonders sensibel mit Themen der Demokratieförderung um. „In meiner Lehre dreht sich viel um politische Bildung und Urteilskraft. So möchte ich die Studierenden darauf vorbereiten, verantwortungsvolle Lehrkräfte zu werden.“ Viele Studierende hätten Angst, als zukünftige Staatsangestellte politisch Position zu beziehen. „Ich zeige ihnen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Es geht darum, eine Haltung einzunehmen, diese Haltung argumentativ zu begründen und so den Weg zu dieser Position transparent zu machen.“ Das entspreche der Idee, dass sich Lehrkräfte gemäß der Verfassung verhalten und demokratiefördernde Kompetenzen vermitteln sollten.

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„In Zeiten des gravierenden Lehrkräftemangels kann immer weniger Fachunterricht gegeben werden. Und dann mit 35 Schüler*innen in einem engen Raum eine gute Diskussionskultur einzuüben, ist praktisch unmöglich.“

Florian Beer
Lehrer und ehrenamtlicher Experte im Referat Bildungspolitik der GEW NRW

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Wie wirken sich Selbsteinschätzung und Beteiligung auf Demokratieförderung aus?

Doch eben diese Aufgabe nehme in der öffentlichen Diskussion zu wenig Raum ein, bedauert Prof. Dr. Bea Bloh, Professorin für Schulpädagogik der Sekundarstufe I an der Universität Paderborn. „Vielen – auch angehenden – Lehrkräften ist nicht bewusst, dass Demokratiebildung zentraler Bestandteil ihres Berufs ist.“ Studien hätten zudem eine fehlende strukturelle Verankerung demokratiefördernder Inhalte im Lehramtsstudium aufgezeigt. „Die Befunde untermauern, dass der Bedarf für solche Inhalte bei Studierenden groß ist – und dass dafür gleichzeitig wenig Angebot innerhalb des Studiums vorhanden ist.“

Genau hier setzt das Forschungsprojekt DemoKult an, das im vergangenen Jahr am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn startete. Dahinter stehen drei zentrale Zielsetzungen, wie Projektleiter Janis Wehde berichtet. „Wir haben zum einen ein Instrument für Lehramtsstudierende entwickelt, das ihre Überzeugungen und Fähigkeitseinschätzungen hinsichtlich einer demokratischen Unterrichtsgestaltung als Bestandteil von Demokratiebildungskompetenz erfasst“, sagt Janis Wehde. Mit Hilfe einer Onlinebefragung an Hochschulen in ganz Nordrhein-Westfalen soll eine Datenbasis entstehen, die die Selbsteinschätzung angehender Lehrkräfte möglichst umfassend abbildet. „Darüber hinaus entwickeln wir Lehrmodule, die es erlauben, demokratiefördernde Methoden in die Hochschullehre zu integrieren – und zwar ganz flexibel, unabhängig von der Fachrichtung oder Schulform.“

Eines der Module hat Janis Wehde jüngst in einem Seminar erprobt. Dort erhielten Studierende zunächst eine Einführung in grundlegende Themen der Demokratieförderung. Anschließend hatten sie die Möglichkeit, die Bewertungskriterien für ihre Leistungen eigenständig in Kleingruppen zu erarbeiten und darauf aufbauend in einer strukturierten Debatte zu diskutieren. In einer demokratischen Abstimmung wurde am Ende das Bewertungsmodell gekürt, das in der Gesamtgruppe den größten Anklang fand. „Lehramtsstudierende müssen später selbst Leistungen bewerten“, sagt Janis Wehde. Gerade deshalb sei es wichtig zu zeigen, wie sie Schüler*innen demokratisch beteiligen könnten.

Die Nachhaltigkeit dieser Beteiligung wird Janis Wehde im Rahmen seiner Promotion untersuchen: Er erhebt, wie sich die Selbsteinschätzung der Studierenden vor und nach dem Seminar verändert. „Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Interesse, demokratiefördernde Methoden einzusetzen, zunimmt. Ebenso steigt das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit, um solche Inhalte auch im Unterricht einzubringen.“ Schon jetzt stehen Bea Bloh und Janis Wehde im Austausch mit anderen Lehrenden. Spätestens 2024 wollen sie ihre Materialien frei zugänglich machen, damit sie eine möglichst breite Nutzung auch an anderen Universitäten finden. Doch für eine umfassende Verankerung demokratiebildender Inhalte brauche es eine systematische Förderung von (Lehr-)Projekten auf Bundesseite – ebenso wie lehrseitige Voraussetzungen, um Interaktion, Debatten und gemeinsame Erfahrungen unterstützen zu können. „Eine verlässliche Teilnahme aller Studierenden ist gerade für demokratiebildende Methoden äußerst wünschenswert“, sagt Bea Bloh.

Schlechte Rahmenbedingungen an Schulen behindern Auseinandersetzung mit Demokratie

Auch Florian Beer sieht bei der Umsetzung eines demokratischen Lehr-Lern-Klimas noch viele Hindernisse. „Wir beobachten, dass der Bereich der Gesellschaftswissenschaften in den Schulen stark zurückgedrängt wird“, sagt der ehrenamtliche Experte der GEW NRW. In Kombination mit einer Verdichtung der Lehrpläne bleibe wenig Zeit für eine vertiefte Auseinandersetzung mit demokratischen Prozessen. Zwar habe jede Schule die Möglichkeit, Strukturen zur Partizipation in schulischen Gremien zu schaffen – etwa im Bereich der Schüler*innenvertretung, der Elternarbeit, über Projektwochen, Arbeitsgemeinschaften oder außerschulische Angebote.

Doch angesichts der schlechten Rahmenbedingungen werde es schwieriger, eine lebendige prodemokratische Schulkultur aufrechtzuerhalten. „In Zeiten des gravierenden Lehrkräftemangels kann immer weniger Fachunterricht gegeben werden. Und dann mit 35 Schüler*innen in einem engen Raum eine gute Diskussionskultur einzuüben, ist praktisch unmöglich.“ Vielen Lehrkräften fehlten zudem Ressourcen, um sich im Bereich der Demokratieförderung fortzubilden. „Es gibt zwar Angebote, und das Interesse ist da. Doch es müssten Freiräume für die Weiterbildung geschaffen werden – damit sie nicht als zusätzliche Belastung empfunden wird.“

Ohnehin sei die praktische Umsetzung eines prodemokratischen Lehr-Lern-Klimas in vielen Fällen an das persönliche Engagement der Lehrkräfte geknüpft, ergänzt Pia Rojahn: „Sie investieren ihre Freizeit, weil sie für das Thema brennen.“ Einen möglichen Ausweg aus dieser Belastungsspirale liefert das Projekt FRIDA – Friedensfähigkeit, Innere Demokratisierung und Achtsamkeit in der Bildung. Es ist an den Kliniken Essen-Mitte angesiedelt und Teil des Verbundprojekts Demokratiefähigkeit bilden, das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert wird. Die Projektbeteiligten – die Kliniken Essen-Mitte, die Evangelische Kirche im Rheinland, die Föderation Türkischer Elternverbände in Niedersachsen sowie die Deutsche Sporthochschule Köln und das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen – gehen das Thema aus verschiedenen Perspektiven an.

„Bei FRIDA geht es darum, die eigenen Lehr-Lern-Methoden an Hochschulen und Schulen zu reflektieren. Ziel ist es, die dahinterliegende Haltung in Richtung Gesundheits- und Demokratieförderung zu entwickeln“, sagt Prof. Nils Altner, einer der Projektbeteiligten, der auch Professionelle Selbstfürsorge an der Alice Salomon Hochschule Berlin unterrichtet. So beeinflussten Be- und Überlastung auch die Art und Weise, wie Lehrende mit Schüler*innen und Studierenden in Beziehung träten. „Wenn wir überfordert sind, können wir häufig nicht gemäß unseren Werten unterrichten“, betont Nils Altner. „Zu schnell agieren wir dann eingeschnappt, aggressiv, ungerecht oder humorlos.“

Wertschätzender Selbstbezug beeinflusst ein demokratieförderndes Lehr-Lern-Klima

In ihren Angeboten vermitteln Nils Altner und seine Mitstreiter*innen, wie es anders gehen kann: Teilnehmende erlernen Wege der Emotions- und Stressregulation ebenso wie achtsamkeitsbasierte Methoden zur Förderung der psychischen Gesundheit. Zentral ist dabei ein wertschätzender Selbstbezug: „Gerade in Situationen, in denen wir den eigenen Ansprüchen nicht genügen und vielleicht harsch oder abwertend mit uns umgehen möchten, zeigt ein freundschaftlicher Selbstbezug einen neuen Weg auf“, betont Nils Altner. Die freundliche Sichtweise auf das eigene Handeln und Erleben ermögliche es, mit Lernenden und Kolleg*innen in ähnlich respektvoller und prodemokratischer Weise umzugehen.

„Selbst in Zeiten unbesetzter Stellen und maroder Schulgebäude können wir damit demokratiefördernd handeln und Erfahrungen von gemeinsam gestalteter Lehr-Lern-Praxis auf Augenhöhe vermitteln.“ Das Interesse, mit erfahrungs- und achtsamkeitsbasierten Methoden zu arbeiten, sei aktuell groß – so etwa in den Grundschulen der Stadt Herne. „Schon im zweiten Jahr nehmen dort Kollegien an unserer Weiterbildung GAMMA – Gesundheit, Achtsamkeit und Mitgefühl im Schulalltag teil. Und ich sehe aktuell viele Projekte, die mit einem ähnlichen Ansatz arbeiten.“ Trotzdem sei der Ansatz nicht für jede Lehrkraft geeignet, schränkt Nils Altner ein. „Wo Menschen schon so erschöpft sind, dass sie nichts Neues mehr aufnehmen können, oder wenn sie aus anderen Gründen selbstreflektierende Prozesse vermeiden, werden sie schwerlich Zugang zu diesem Weg finden.“ 

Anne Petersohn
freie Journalistin

Foto: freepik

 

Machtmissbrauch an Hochschulen: Das fordert die GEW NRW

Vielfältige Situationen des Machtmissbrauchs an Hochschulen machten in den zurückliegenden Monaten Schlagzeilen. In ihrer Pressekonferenz zum Semesterstart rückte auch Wissenschaftsministerin Ina Brandes das Thema in den Fokus. Um dem Machtmissbrauch entgegenzuwirken, fordert die Fachgruppe Hochschule und Forschung der GEW NRW:

  • Ombudsstellen in den Institutionen und institutsübergreifend einrichten und bekannt machen
  • Richtlinien zum angemessenen Verhalten erweitern und bekannt machen, beispielsweise durch die aktive Verpflichtung zur Wahrung solcher Richtlinien bei Stellenantritt durch Unterschrift
  • Sensibilisierung auch derjenigen, die gefährdet sind, von Machtmissbrauch betroffen zu werden, beispielsweise durch ein Informationspapier bei Einstellung  mit einer beispielhaften Auflistung zu „Das sind deine Rechte“, „Das sind deine Pflichten“ und „Diesen Anforderungen musst du nicht nachkommen, sondern kannst dich dagegen wehren“
  • Fortbildungsmöglichkeiten schaffen und diese gegebenenfalls für Erstberufene und Gruppenleitungen verpflichtend machen
  • mehr Transparenz durch Sensibilisierung aller Vorgesetzten, wie Professor*innen, Institutsleitungen, Dekanate und Präsidien
  • Einführung einer Überwachung und Kontrolle der Umsetzung der bereits vorhandenen Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, beispielsweise durch Evaluation, sowie das Benennen von Konsequenzen bei Fehlverhalten mit beispielsweise folgenden Auswirkungen: keine Forschungsanträge mehr, Gelder-Kürzungen, Promotionsbetreuungsverbote, Verpflichtung zu regelmäßigen (Einzel-) Reflexionsgesprächen zum eigenen Verhalten, Fortbildungskursen zur Thematik oder Coachings 
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