Das letzte Aufbäumen des Patriarchats

Außerschulische Bildungsarbeit für ein selbstbestimmtes Leben

Wie können sich Kinder und Jugendliche in einer Welt voll von Geschlech­terrollen von der Angst befreien, kein „richtiges“ Mädchen oder kein „richtiger“ Junge zu sein? Hier setzt das Projekt HeRoes von Jungs e. V. in Duisburg an: Es steht ein für (sexuelle) Selbstbestimmung. Für Gruppen in der außerschulischen Jugendarbeit und für Schüler*innen in Workshops entstehen mit HeRoes neutrale Räume, um über die Themen zu sprechen, über die viel zu oft geschwiegen wird. Auch Lehrer*innen werden miteinbezogen.

„Ey, ich hab grad voll Anschiss von meinem Vater bekommen“, erzählt ein Junge, als er auf seine Freunde trifft.
„Was war denn los?“, will einer von ihnen wissen.
„Ach, ich konnte ihm nicht sagen, wo meine Schwester ist“, antwortet der Junge.
„Ich weiß es nicht.“
„Wie? Das weißt du nicht?“
„Na ja, die ist doch alt genug und hängt mit ihren Freundinnen ab. Wir sind doch auch hier draußen.“
„Aber Alter, das ist doch was anderes. Sie ist eine Frau“, sagt der Freund, während der andere schweigt.
„Ja, und was soll das heißen?“, fragt der Junge nach.
„Du weißt doch, was da alles passieren kann. Und sie ist doch eure Ehre, Mann. Was sollen die Leute denken?“, meint der Freund.
Der dritte in der Runde schweigt weiter. Der Junge kommt ins Grübeln. Haben sein Vater und sein Freund recht?
Doch was andere sagen, ist ihm eigentlich ziemlich egal. Er vertraut seiner Schwester.

Die Workshops an Schulen mit den Multiplikatoren der HeRoes starten in der Regel mit einer einstudierten Szene wie dieser. Die Schüler*innen beschreiben danach die Rollen und diskutieren über die unterschiedlichen Perspektiven. Ein Türöffner, wie Susanne Lohaus, Sozialarbeiterin und Initiatorin der HeRoes in Duisburg, weiß: „Die Jugendlichen erkennen sich selbst wieder: Die Mädchen kennen die Situation, nicht tun zu dürfen, was sie möchten, Gehorsam zu leisten gegenüber männlichen Autoritätspersonen. Die Jungen kennen den Druck, große Verantwortung tragen und die familiäre Ehre wahren zu müssen.“

Gesellschaftliche Vorstellungen drängen Kinder und Jugendliche in Rollen

Susanne Lohaus ist seit 30 Jahren in der offenen Kinder- und Jugendarbeit im Duisburger Norden aktiv. In die Jungenarbeit stieg sie ein zu einer Zeit, in der Mädchenarbeit ausschließlich von Frauen betreut wurde und geschlechtshomogen Männer in der Jungenarbeit eingesetzt waren. „Ich habe schon immer fast ausschließlich mit Jungs gearbeitet und brauchte unbedingt einen neuen Reflexionsraum für mich“, erzählt sie. Als Expertin für Geschlechterpädagogik weiß Susanne Lohaus, wie stark gesellschaftliche Vorstellungen schon im Babyalter Einfluss nehmen: „Wir haben einen sehr reduzierten Blick auf Geschlecht und projizieren ihn auf Kinder und Jugendliche.

Diese Geschlechterbilder wirken total heftig auf Heranwachsende und bei ihnen wächst die Angst, kein richtiges Mädchen oder kein richtiger Junge zu sein und dafür abgewertet zu werden. Das schwebt über allem, immer. Und verhindert letztendlich ihre individuelle Entwicklung.“ Deshalb sei es so wichtig, jungen Menschen einen neutralen Raum zu bieten, betont Bildungsreferent Selim Asar, der zum HeRoes-Betreuungsteam gehört und seit zehn Jahren Workshops an Schulen begleitet.

„Die Reaktionen auf unsere Rollenspiele sind unterschiedlich, wenn auch die Zustimmung für den Jungen überwiegt. Aber es ist alles erlaubt und deshalb ist auch alles da. Auch die autoritäre Haltung des Vaters können einige nachvollziehen.“ Es ginge aber nicht darum, gegen einzelne im Klassenraum anzudiskutieren, sondern die Gruppe kollektiv zu aktivieren. Dadurch passiere etwas in den Köpfen. „Die Schüler*innen schätzen die Wertfreiheit, die sie bei uns bekommen, und alle Perspektiven haben ihren Platz. Nur so können wir wertvolle Impulse geben.“

„Es geht um die gefestigten Geschlechterrollen in unseren Köpfen.“

Schon früh würden Jungen durch Erziehung, Gleichaltrige und die Popkultur lernen, dass Eigenschaften wie Stärke, Dominanz, das Erfüllen der Versorgerrolle und Kontrolle über Emotionen zum Mannsein dazugehören, zeigt die Männlichkeitsforschung. In der Arbeit der HeRoes in Duisburg-Marxloh sind Geschlechterzuschreibungen zusätzlich kulturrassistisch aufgeladen und die Migrationscommunity wird schnell verurteilt, sagt Susanne Lohaus: „In Fortbildungen frage ich gerne, worin der Unterschied liegt, dass Steffi immer Rosa tragen muss und Anna zwangsverheiratet wird. Der Vergleich ist hart, aber er zeigt, dass die Basis die gleiche ist. Die weiße Mehrheitsgesellschaft in Deutschland muss sich ganz klar genauso Geschlechterfragen stellen.“

Am Beispiel Ehrenmord zeige sich das gut: In Deutschland versucht jeden Tag ein Mann eine Frau zu töten. Jeden dritten Tag gelingt es. Femizide sind allerdings bis heute kein Straftatbestand und Mord im Namen der Ehre wird in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht explizit erfasst. Die aktuellste Studie dazu stammt aus 2010: Laut Juristin und Mitautorin Julia Kasselt handelt es sich bei Ehrenmorden um ein seltenes Phänomen, das von den Medien verzerrt dargestellt werde. HeRoes bezeichnet sich auch deshalb nicht als Integrationsprojekt. „Es ist sinnlos, wenn wir diese Themen auf einer kulturellen, ethnischen oder auch religiösen Folie verhandeln. Jede Community ist vielfältig. Wir wollen die Themen in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext stellen. Es geht um die gefestigten Geschlechterrollen in unseren Köpfen“, sagt Susanne Lohaus.

Geschlechterreflektierte Jungenarbeit mit dem HeRoes-Konzept

„Ich hatte Mädchen in der Einrichtung, die ich in Schutzstellen untergebracht habe, weil sie frei sein wollten, und Jungen, die ihre Schwestern kontrolliert haben. Mädchen, die das System als Denunziantinnen mitgetragen haben, und genauso viele Jungen, die keinen Sinn darin gesehen und nicht einem traditionellen Männerbild zugeschriebene Dinge gemacht haben. Das hat mich ganz schön umgetrieben“, erzählt die Sozialarbeiterin. Das Konzept der HeRoes – entwickelt vom Berliner Verein Strohhalm e. V. – war genau der richtige Ansatz, geschlechterreflektierte Jungenarbeit in ihrem Stadtteil und später durch die Schulworkshops weit darüber hinaus umzusetzen. Acht HeRoes-Gruppen treffen sich heute regelmäßig im Jugendzentrum Zitrone, unternehmen gemeinsam Ausflüge oder setzen Aktionen um.

Daneben gibt es die Multiplikatoren, die nach einer einjährigen Ausbildung Workshops an Schulen gestalten. Das sei ein langer Weg und erfordere eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, weiß das vierköpfige Betreuungsteam, zu dem auch Basar Ahmed und Marcel Kaya gehören. „Die Workshops dauern vier Schulstunden und die Reaktionen hauen mich fast jedes Mal um“, sagt Bildungsreferent Selim Asar. Die Jungs kommen freiwillig zu den HeRoes. „Ich bin angepisst davon, wie ich von der Mehrheitsgesellschaft gesehen werde“, begründen viele ihre Entscheidung, zitiert Susanne Lohaus. Sie würden dargestellt als Frauen unterdrückende Gewalttäter und dabei würde übersehen, dass antifeministische, autoritäre Haltungen auch ein Problem der Mehrheitsbevölkerung sind. Den Beweis dafür liefert im Sommer 2023 eine repräsentative Befragung von Plan International Deutschland e. V. unter Männern im Alter zwischen 18 und 35 Jahren.

Tradierte Geschlechterbilder und der Elefant im Raum

Mehr als ein Drittel der befragten Männer (34 Prozent) ist Frauen gegenüber schon mal handgreiflich geworden, um ihnen Respekt einzuflößen. 71 Prozent meinen, persönliche Probleme selbst lösen zu müssen, ohne um Hilfe zu bitten. Und 51 Prozent sind überzeugt, schwach und angreif­bar zu sein, wenn sie Gefühle zeigen. Tradierte Bilder von Männlichkeit wie diese sind genauso real wie der Rollback zurück zur klassischen Rollenverteilung in der Familie, den das HeRoes-Team über alle Schulformen hinweg beobachten kann. „Manchmal habe ich das Gefühl, es ist das letzte Aufbäumen des Patriarchats“, sagt Susanne Lohaus. „Aber ist doch klar, dass sich junge Frauen der Doppelbelastung von Care-Arbeit und Erwerbsarbeit nicht aussetzen möchten.

Wir als ihre Eltern sind nicht die besten Vorbilder. Da muss sich noch einiges ändern“, meint Selim Asar. Und Bildung sei dabei ein wichtiger Hebel. „Geschlecht ist oft so ein Elefant im Raum, über den niemand spricht. Dabei gehören geschlechtliche und sexuelle Vielfalt absolut zur Lebensrealität von Schüler*innen“, beobachtet Selim Asar zunehmend. „Das Bewusstsein für Gleichberechtigung wird immer größer, aber kaum jemand spricht mit Schüler*innen über diese Themen. Dabei sind sie so dankbar dafür. Ich würde mir wünschen, dass Schule noch mehr dieser wertfreie Raum für junge Menschen sein kann.“ Schule sei zwar erst mal ein Zwangssetting, weiß Susanne Lohaus, „aber genau hier tragen wir eine gesellschaftliche Verantwortung, wenn wir über Kinderrechte sprechen. Hier müssen wir präventiv wirken.“

HeRoes steht für absolute (sexuelle) Selbstbestimmung

Die HeRoes reflektieren mit den Jungen Grenzüberschreitungen wie Gewalt und das führe dazu, dass Jungen sagen: „Ich möchte, dass meine Schwester mir vertraut, und nicht, dass sie Angst vor mir hat.“ „Sie vermitteln ein Freiheitsgefühl, und das wirkt entlastend auf die Klasse. Es passiert auch, dass ein Mädchen beginnt zu weinen, wenn der Klasse klar wird, Gewalt und Unterdrückung sind nicht der Weg. Wir stehen hier für absolute Selbstbestimmung. Das ist der Kern des Projekts. ,Ich entscheide und niemand über mich‘“, so Susanne Lohaus.

Das gelte insbesondere auch für die Jungen, die häufig Gewalt erfahren, wenn sie nicht den elterlichen Vorstellungen entsprechen. „Ihnen wird klar, in was für einem engen Korsett sie stecken“, sagt die Sozialarbeiterin. Durch die Workshops setzen sich nicht nur die Jugendlichen ab Klasse 8 mit Geschlechterfragen auseinander, auch Lehrende werden mit ins Boot geholt, erzählt Selim Asar: „Viele Lehrkräfte haben Hemmungen, über diese Themen zu sprechen. Wir unterstützen sie dabei: ,Wie diskutiere ich Männlichkeitsvorstellungen und zum Beispiel das Thema Ehre? Wie kann ich ein tolerantes und gewaltfreies Miteinander fördern? Welche Skills brauche ich dazu?

Und was können Fallstricke sein?‘ Das müssen sie wissen.“ An vielen Duisburger Schulen sind die HeRoes bereits Stammgäste und besuchen jedes Jahr einen Jahrgang. So wirkten die Workshops nachhaltig. Sie haben ihren festen Platz im Stundenplan. Das Betreuungsteam konnte so schon einige Male für Nachwuchs in der Sozialarbeit sorgen, wenn junge Menschen durch die HeRoes den Impuls für ein Studium bekommen haben. Jetzt müsse intersektionale geschlechterreflektierte Pädagogik unbedingt noch Grundlage im Studium von Lehrkräften und sozialpädagogischen Berufen werden. Damit wäre viel gewonnen, betont das Team. So lange geben die vier als Fortbildner*innen ihr Wissen weiter und teilen ihre Erfahrungen, um noch mehr Räume zu schaffen für ein selbstbestimmtes Leben von Jungen und Mädchen.

Sherin Krüger
freie Journalistin

Fotos: Senem Caglayan

Kommentieren
Die mit (*) gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare (0)

24
Deine Meinung? Jetzt kommentieren!