Autoritäre Haltungen in der Klima- und Energiekrise

Naturschutz ist nicht per se unpolitisch

Spätestens seit Fridays for Future Tausende junge Menschen mobilisiert hat, wird das Thema Klima für rechte Akteur*innen strategisch interessanter. Aber auch historisch betrachtet ist es vom Klima- zum Heimatschutz nicht weit. Yannick Passeick von der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) erklärt die Zusammenhänge und zeigt auf, was Bildung autoritären Tendenzen im Klima- und Umweltschutz entgegensetzen kann.

Im monatelangen Streit um das Gebäudeenergiegesetz, umgangssprachlich Heizungsgesetz genannt, redete sich auch die AfD wortgewaltig in Rage. „Die Heizungspläne der Ampelkoalition sind ein Anschlag auf den Wohlstand der Mittelschicht in einem Land“, sagte etwa die Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Alice Weidel. Das Gesetz werde die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten vorantreiben und schwere soziale Verwerfungen verursachen.

So weit, so bekannt: Dass sich die AfD aggressiv gegen die Klimapolitik der Bundesregierung positioniert, überrascht nicht. Ungewöhnlich wirkt jedoch, was parallel passiert: Das rechte Spektrum, das den Klimawandel traditionell infrage stellt oder gar leugnet, engagiert sich zugleich für Natur- und Umweltschutz, etwa in Bürgerinitiativen und Verbänden. Dass Rechte grüne Themen besetzten, sei jedoch nicht neu, erklärt Yannick Passeick, Politikwissenschaftler und Bildungsreferent bei der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN).

„Der deutsche Natur- und Umweltschutz ist als Heimatschutzbewegung entstanden und die war immer von völkischen Akteur*innen geprägt.“ In der Logik eines rechtsextremen Weltbildes müsse man die Natur schützen, die Umwelt, die Heimat – und das Volk. Dieses Denken habe es nicht nur im Nationalsozialismus gegeben. „Die NPD war mit die erste Partei in Deutschland, die Umweltschutz thematisiert hat.“ 

Rechte Akteur*innen haben das Klima als Mobilisierungsthema erkannt

Der Experte räumt indes ein: „In den vergangenen Jahren ist deutlicher geworden, dass extreme Rechte das Thema bespielen.“ Und sie gehen es strategisch an. Vertreter*innen autoritärer Haltungen haben gesehen, wie viele junge Menschen Fridays for Future mobilisiert hat, und das Potenzial für sich erkannt. Nachhaltige Lebensstile, ökologische Landwirtschaft, Regionalität, Kapitalismuskritik – die Anknüpfungspunkte sind da. Allerdings gibt es in rechter Logik und Rhetorik auch neue Aspekte. „Natur und Klima werden gegeneinander ausgespielt“, sagt Yannick Passeick.

So werde argumentiert, die deutsche Heimat müsse gegen die vermeintlich sinnlose Energiewende geschützt werden – konkret etwa der Rotmilan vor Kollisionen mit Windrädern. Bei Aktionen gegen Windkraft versuche die Junge Alternative häufig, politisch Einfluss auf die Proteste zu nehmen. Ähnlich engagiere sich die Neue Rechte  in Natur- und Umweltschutzverbänden, um über gemeinsame Projekte ihre Ideologie beizutragen. Beobachtet werde auch der Versuch, Anschluss an Ökodörfer zu finden. „Die rechten Akteur*innen wissen, dass sie in Städten mit mehr zivilgesellschaftlicher Gegenwehr zu rechnen haben, und versuchen, vom ländlichen Raum aus die Gesellschaft zu verändern.“ 

Ökofaschismus ist in Deutschland weniger verbreitet

Im extremsten Fall werde rechte Ökologie um das Thema Migration beziehungsweise Abschottung erweitert. Das „Blut und Boden“-Denken der Nazis, nach dem sich Menschen, Kulturen und Völker nicht vermischen sollten, werde dann so interpretiert, dass sonst nicht nur das deutsche Volk, sondern auch das deutsche Ökosystem zerstört werde, erklärt Yannick Passeick. In diesem Kontext warne die Neue Rechte auch regelmäßig vor einer Überbevölkerung der Erde, besonders im globalen Süden, weil sonst die Ressourcen des Planeten angeblich nicht reichten.

Vermischen sich ökologische und Klimaschutzaspekte mit rassistischer Politik, spricht man auch von Ökofaschismus. In den USA habe es in der Vergangenheit einige Terroranschläge gegeben, bei denen sich die Attentäter als Ökofaschisten bezeichnet hätten, weil sie aus ihrer Sicht die weiße Rasse in einem weißen Land und damit die weiße Natur schützen wollten, sagt der FARN-Referent. „Aber wenn wir über die Akteur*innen hierzulande sprechen, nennen wir es in unserer Bildungsarbeit rechte bis rechtsextreme Ökologie.“ Zwar gebe es ein paar Gruppierungen, die man als ökofaschistisch bezeichnen könnte: etwa die neonazistische Kleinpartei Der III. Weg oder bestimmte völkische Siedlungen auf dem Land.

„Beide sind aber zahlenmäßig bei Weitem nicht mit den Anhänger*innen der AfD zu vergleichen.“ Ungefährlich ist die rechte Ökologie dennoch nicht: Zwar leugne aktuell noch ein großer Teil der rechten Kräfte den Klimawandel und grenze sich von der Regierungspolitik ab, sagt Yannick Passeick. „So lange das erfolgreich ist, ist Ökologie auch innerhalb der extremen Rechten nicht das Hauptthema. Das kann sich aber schnell ändern, sobald wir stärkere Auswirkungen der Klimakrise auch in Deutschland zu sehen bekommen.“ Dann könne es heißen: „Wir schützen nur das eigene Volk, versuchen den eigenen Wohlstand zu retten, machen die Grenzen dicht.“

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„Man kann nicht sagen: Es ist egal, wer sich engagiert, wer in den eigenen Verbänden und Vereinen mitmacht – und wer in einer postmigrantischen Gesellschaft dann wiederum ausgeschlossen wird, wenn ein paar Neonazis im Vorstand sitzen.“

Yannick Passeick
Politikwissenschaftler und Bildungsreferent bei der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN)

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Schule muss ökologische Fragen fächerübergreifend behandeln und politisch einordnen

Was lässt sich solchen Entwicklungen nun in Bildung und Schule entgegensetzen? „Wir müssen darüber informieren und dafür sensibilieren, dass Klima-, Umwelt- und Naturschutz nicht getrennt von demokratischen und solidarischen Werten gedacht werden dürfen“, fordert Yannick Passeick. „In vielen Bildungsformaten ist das aber bisher noch der Fall.“ Wenn ökologische Fragestellungen in der Schule behandelt würden, müssten diese auch politisch eingeordnet werden. „Es reicht nicht, wenn man im Biologie- oder Physikunterricht über die Grundlagen des Klimawandels redet und dann im Politikunterricht darüber, wie Parteien zu verschiedenen Maßnahmen stehen. Es braucht mehr interdisziplinären Austausch.“

Die FARN-Beratungsstelle entwickelt daher gemeinsam mit dem AZN-Naturerlebnishaus Heideberg ein Lernmodul für Schüler*innen der Sekundarstufe I in Hessen, das sich mit Klimawandelleugnung und rechtsradikaler Ökologie beschäftigt. Der Klimawandel wird dabei über die naturwissenschaftlichen Grundlagen und Folgen hinaus als gesellschaftspolitische Krise behandelt und um eine politische Sichtweise erweitert. Von der FARN gibt es auch Workshops, diese sind jedoch eher für junge Erwachsene im außerschulischen Bereich gemacht. Der Einführungsworkshop Ökologie von rechts: Rechtsextreme Ideologien im Natur- und Umweltschutz könne aber in höheren Klassenstufen etwa in Form eines Projekttages auch von Schulen genutzt werden, sagt Yannick Passeick.

Abgrenzung nach rechts muss im Naturschutz aktiv gelebt werden

Zudem betont der Bildungsreferent: „Naturschutz ist nicht per se unpolitisch. Man kann nicht sagen: Es ist egal, wer sich engagiert, wer in den eigenen Verbänden und Vereinen mitmacht – und wer in einer postmigrantischen Gesellschaft dann wiederum ausgeschlossen wird, wenn ein paar Neonazis im Vorstand sitzen.“ Abgrenzung nach rechts müsse in den Strukturen aktiv gelebt werden. „Bei den großen Umwelt- und Naturschutzverbänden auf Bundes- und Landesebene passiert da schon sehr viel, vor allem seit die AfD im Bundestag ist. Aber inwiefern das auch auf allen Ortsebenen in den Verbänden ankommt, ist nochmal eine andere Frage.“

Nadine Emmerich
freie Journalistin

Foto: unsplash.com / Filip Zrnzevic

 

Unterrichtsmaterial

Weitere Informationen dazu, wie Rechte die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel für ihre Zwecke einsetzen, gibt es bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Lehrkräfte können das Material nutzen, um zu erklären, warum sich die Themen gut für populistische, wissenschaftsfeindliche Strömungen eignen und ins Narrativ der Elitenkritik passen.

Dossier der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: 
Nachhaltigkeit und Demokratie – wie hängt das zusammen?

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