Lernen auf Distanz braucht Flexibilität

Digitalen Unterricht gestalten

Das Coronavirus hat die Schulen über Monate zum Distanzunterricht gezwungen. Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte haben damit unterschiedlichste Erfahrungen gemacht. Die Duisburger Lehrerin Nina Toller sagt: „Es geht, wenn man sich organisiert.“

Während der coronabedingten Schulschließungen wachte Nina Toller schon mal auf und hatte bis zu 80 neue Nachrichten auf dem Smartphone. Kolleg*innen des Franz-Haniel-Gymnasiums in Duisburg, aber auch Lehrkräfte anderer Schulen hatten Fragen zum digitalen Lehren und Lernen an sie. „Das war wie ein 24/7-Callcenter“, erinnert sich die Duisburger Lehrerin für Deutsch, Englisch, Geschichte und Informatik. Seit Jahren kombiniert sie analoge und digitale Medien und bloggt darüber auf Toller Unterricht. 

Herausforderungen annehmen und Feedback anfordern 

Als sie ab Mitte März plötzlich aus dem Homeoffice heraus Siebt-, Acht- und Neuntklässler sowie Oberstufenkurse und Abiturient*innen unterrichten musste, kannte sie zwar geeignete Tools und Apps und war fit in der Produktion von Erklärvideos. Herausforderungen gab es trotzdem: „Auch ich musste mich umstellen, wie ich die Schulstunde von 70 Minuten gestalte, etwa als Videokonferenz. Wenn man seine Schüler*innen auf stumm gestellt nur als schwarze Kacheln vor sich hat, ist das wie ein langes Selbstgespräch.“ Nina Toller fragte regelmäßig Reaktionen per Daumen hoch oder runter ab: „Habt ihr das verstanden, kann ich weitermachen?“

Sozialer Austausch ist ein entscheidender Punkt

Nach mehr als drei Monaten Distanzunterricht bilanziert sie: „Es funktioniert – sogar besser als erwartet. Man muss aber flexibel sein.“ Dazu gehörte, nicht am Stundenplan festzuhalten, sondern den ein oder anderen Termin an die Abläufe in den Familien anzupassen und sich auch mal spätnachmittags zusammenzuschalten. Zu erkennen, dass der soziale Austausch manchmal wichtiger als die Stoffvermittlung sein kann. Konzepte zu finden, für die alle Schüler*innen technisch gerüstet sind. Und den Kindern und Jugendlichen, die bei Videokonferenzen wiederholt fehlen, auch hinterherzutelefonieren. 

Nina Toller arbeitete im Distanzunterricht in der Regel so: Die Aufgaben für die Schüler*innen wurden mit einer mehrtägigen Frist auf den Schulserver iServ hochgeladen und zu einem bestimmten Termin per   Videokonferenz – im Frühjahr per Zoom – besprochen. Dabei kombinierte sie Einzel- und Gruppenarbeit und stand online als Ansprechpartnerin bereit, wenn Schüler*innen Hilfe brauchten. Sie nutzte Feedback- und Brainstorming-Tools wie AnswerGarden und Mentimeter, um Meinungen oder Stichworte zu sammeln, oder die spielebasierte Lernplattform Kahoot für kleine Quiz. „Nach ein paar Wochen kam es mir so vor, als sei dies die reguläre Form des Unterrichts.“

Von (nicht) funktionierender Technik und Ausstattung

Nicht ganz so flüssig lief dagegen die Technik. Das Franz-Haniel-Gymnasium wurde vom Land NRW als Digitale Schule ausgezeichnet und ist in Sachen Digitalisierung bereits auf einem guten Weg. Es gibt jedoch kein flächendeckendes WLAN und auf Endgeräte für Schüler*innen und Lehrkräfte wird noch gewartet. Anfangs war der Schulserver oft überlastet, und mangels stabiler häuslicher Internetleitungen für mehr als 20 eingeschaltete Kameras waren die Videochats mit allen Anwesenden eher Audiokonferenzen.

Da Nina Toller ihren Unterricht seit Langem digital erweitert, kannte sie die Ausstattung ihrer Schüler*innen zu Hause und wusste: Alle haben Smartphones mit Internetzugang. Also stellte sie Aufgaben so, dass sie am Handy lösbar waren. „Arbeitsblätter, die nicht ausgedruckt werden können, helfen nichts.“ Da viele Kinder und Jugendliche auch mit ihrem Telefon an den Videokonferenzen teilnahmen und parallel keinen Zugang zu einem weiteren Gerät hatten, wurde in dieser Zeit analog mit Buch und Heft gearbeitet.

Die Aufbruchsstimmung beibehalten

Mit Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts fürchtet Nina Toller nun etwas um die Aufbruchsstimmung, die sie während des Lockdowns beobachtete. „Alle Lehrer*innen haben viel ausprobiert, die Hemmschwellen waren weg. Das müssen wir beibehalten, um etwa das eigenständige Lernen voranzutreiben.“ Dazu empfiehlt sie auch allen Lehrkräften, sich in sozialen Medien unter #Twitterlehrerzimmer oder #Instalehrerzimmer auszutauschen. Ideen und Hilfen seien im Netz einfach zu finden – schneller als die nötige Zeit dazu, räumt Nina Toller ein.

Tipps für gelingenden Distanzunterricht

1. Den technischen Stand der Schüler*innen zu Hause abfragen. 

2. Mit Kolleg*innen Erfahrungen austauschen. 

3. Sich trauen und Dinge ausprobieren: Alle lernen noch dazu.

4. Digitale Sprechstunde einrichten, bei der auch Eltern Feedback geben.

 

Nadine Emmerich

freie Journalistin

Foto: privat

 

 

 

 

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