Mit Schüler*innen aktiv gegen Verschwörungsdenken

Modellprojekt #Kopfeinschalten stärkt Demokratieverständnis

Die aktuelle Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung haben dem Thema Verschwörungsideologien Popularität verschafft. Was verbirgt sich hinter solchen Ideologien? Wie funktionieren sie und wie kann ihnen aktiv entgegengetreten werden? Mit diesen Fragen befasst sich das Modellprojekt #Kopfeinschalten – Kritisch gegen Verschwörungsdenken, das Schüler*innen sensibilisiert und den Einsatz für eine demokratische Gesellschaft fördert.

Aus der medialen Aufmerksamkeit kann schnell der Eindruck entstehen, wir hätten es mit einem enormen Anstieg des Verschwörungsdenkens zu tun. Die beiden Mitte-Studien aus Leipzig und Bielefeld, die seit Jahren die antidemokratische Einstellung der deutschen Bevölkerung untersuchen, zeigen jedoch, dass es im Laufe der Pandemie keinen nennenswerten Anstieg bei denjenigen gegeben hat, die an eine Verschwörungsideologie glauben. Was viele in der Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit Beschäftigte jedoch feststellen, ist eine Verschiebung der Themen aus ihrem Arbeitskontext in den privaten Bereich. Auch Teilnehmer*innen der Multiplikator* innen-Schulungen für Sozialarbeiter*innen und Ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit in unserer Bildungseinrichtung Salvador-Allende- Haus, die das Modellprojekt betreut, berichten von solchen Erfahrungen. Plötzlich würden sie in der eigenen Familie oder bei Freund*innen mit antidemokratischen Einstellungen konfrontiert, die sie bislang professionell bearbeitet hatten. Mit dieser Grenzverschiebung kommt für viele Beschäftigte in der Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit eine weitere Belastung neben den ohnehin vielfältigen Schwierigkeiten während der Pandemie hinzu. Der Versuch, Menschen, die in Verschwörungen denken, von der Falschheit dieser Ideologien zu überzeugen, fühlt sich oft an wie der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlen. Gleichzeitig endet die Konfrontation mit selbst ernannten Corona-Skeptiker*innen nicht mit dem Feierabend.

Individuelle Erklärungen für gesellschaftliche Phänomene

Auf der gesellschaftlichen Ebene wirken Verschwörungsideologien als „Symptom und […] Katalysator einer autoritären Tendenz in der Gesamtgesellschaft und des ‚kulturellen Klimas‘“, wie es in der Anfang 2020 erschienenen Ausgabe der Zeitschrift psychosozial zum Thema hieß. Sie drücken die Machtlosigkeit ihrer Vertreter*innen aus und befördern zugleich antidemokratische Tendenzen, indem sie eine rein individuelle Erklärung gesellschaftlicher Phänomene verbreiten. Werden reale oder eingebildete gesellschaftliche Probleme ursächlich auf das eigennützige oder böse Handeln beziehungsweise den moralisch verwerflichen Charakter einzelner Personen oder Gruppen zurückgeführt, befördert dies autoritäre Problemlösungen: Ein Wechsel beim Personal wird gefordert oder – wie bei den letzten rechtsterroristischen Anschlägen – direkte Gewalt gegen Menschen ausgeübt. Ursachen für Missstände oder das Empfinden bestimmter Missstände, die über das Handeln und die Intention Einzelner hinausgehen, geraten aus dem Blick und wirken unreflektiert fort.

Intransparente Machtstrukturen und Verschwörungsideologien: Wo liegt der Unterschied?

Für die Präventionsarbeit gegen Verschwörungsdenken mit Schüler*innen im Rahmen des Modellprojekts ist zunächst eine klare Haltung der Teamer*innen wesentlich. Dazu gehört auch ein deutliches Bewusstsein über die Abgrenzung intransparenter gesellschaftlicher Machtstrukturen von Verschwörungsideologien. Oft wird die Unschärfe in der Unterscheidung genutzt, um solchen Ideologien Plausibilität zu bescheinigen. Verschwörungsdenken betrachtet die Welt jedoch im Sinne einer instrumentellen Logik. Demnach verfolgen Personen einen bösen Plan und wählen zu seiner Umsetzung die passenden Mittel; Zufall und unbeabsichtigte Konsequenzen existieren in dieser Weltvorstellung für die vermeintlichen Verschwörer*innen nicht. Beides sind aber wesentliche Bestandteile gesellschaftlicher Machtstrukturen, die von Verschwörungsideolog*innen nicht berücksichtigt werden.

Auch im Alltag und in kulturindustriellen Produkten – beispielsweise in Filmen wie JFK - Tatort Dallas oder Da Vinci Code – werden Verschwörungen im Sinne einer Verschwörungsideologie dargestellt, inklusive der Bilderwelten von in Hinterzimmern agierenden, moralisch verwerflichen Machtmenschen. Dadurch wird das Denken in Verschwörungen befördert. Dass dagegen geheime Absprachen stattfinden und die Öffentlichkeit nicht über alles informiert wird, ist eine triviale Erkenntnis und noch keine Verschwörungsideologie.

Geschlossenes Weltbild – ohne Zufall oder äußere Einflüsse

Schüler*innen unserer #Kopfeinschalten-Seminare lernen deshalb in einem ersten Schritt, die Funktionsweise von Verschwörungsideologien zu verstehen. Sie sollen sich bewusst werden, dass sich Verschwörungsgläubige Verschwörungen wie in einem Experiment vorstellen. Die unrealistischen Vorannahmen, die Ausschaltung allen Zufalls und aller nicht intendierten Folgen der Handlungen der imaginierten Verschwörer* innen führen letztlich zu einem geschlossenen Weltbild, dass den Verschwörungsideolog*innen die Möglichkeit bietet, jede Ungereimtheit zu erklären. Entweder werden Hilfshypothesen gebildet oder Widersprüche letztlich zu einer Tarnstrategie der angeblichen Verschwörer*innen umgedeutet.

Gegenüber solchem Umgang mit Fakten, die entweder aus fragwürdigen Quellen stammen oder aus ihrem Kontext herauspräpariert beziehungsweise stark umgedeutet werden, ist eine auf Faktizität zielende Diskussion wenig aussichtsreich – eine wichtige Erkenntnis für die Kommunikation mit Verschwörungsideolog*innen.

Schüler*innen lernen Umgang mit Fakten, Fake News und Komplexität

Im Seminar vermitteln wir den Schüler*innen deshalb insbesondere praktische Methoden und schulen ihren kritischen Blick. Anhand eines fiktiven Kriminalfalls lernen sie beispielsweise den Umgang mit Fakten. Diesen müssen die Schüler*innen mittels einer Auswahl von Informationen lösen, die sich jeweils aufeinander beziehen und einander jeweils in einem anderen Licht erscheinen lassen. Das Ziel ist, eine (selbst-)kritische Haltung gegenüber voreiligen Schlüssen aus gegebenen Tatsachen zu fördern. Die Schüler*innen sollen für einen kritischen Umgang mit Fakten sensibilisiert werden, anstatt offizielle Angaben grundsätzlich für falsch und alles, was dem widerspricht, grundsätzlich für wahr zu erachten.

Einen weiteren Baustein für den kritischen Umgang mit der Flut an „Fakten“ durch Verschwörungsideologien stellt die Unterscheidung zwischen Fake News, Gerüchten und Nachrichten dar. Statt eine grundsätzliche Neutralität etablierter Medien zu behaupten, besprechen wir mit den Schüler*innen die Unterschiede redaktionell aufbereiteter Nachrichten gegenüber Gerüchten und absichtlicher Falschinformation. Tipps zur Überprüfung von Informationen bieten den Schüler*innen das Handwerkszeug zur eigenen kritischen Recherche.

Gegen das Gesellschaftsbild des Verschwörungsdenkens führen wir mit den Schüler*innen Übungen durch, die eine Reflexion über die Komplexität moderner Gesellschaften in Gang setzen. Zum einen sprechen wir anhand von Zitaten oder Bildern über Naturvorstellungen, um deren gesellschaftliche Vermittlung zu thematisieren. Viele Verschwörungsideologien postulieren schließlich gegenüber der vermeintlichen Verschwörung eine durch diese bedrohte „natürliche“ Ordnung. Dabei erweisen sich die Naturvorstellungen immer als – oft besonders rigide – gesellschaftliche Normvorstellungen. Zum anderen besprechen wir mit den Schüler*innen eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, die jeweils von einer Kleingruppe gelesen werden. So kann gemeinsam diskutiert werden, dass sich gesellschaftliche Prozesse nie auf das Wollen Einzelner reduzieren lassen und deren Motive nicht aus den Ergebnissen ihrer Handlungen ableitbar sind.

#Kopfeinschalten soll Irritation in der Peergroup erzeugen

Für den pädagogischen Umgang mit Verschwörungsideologien gilt vor allem, keine hohen Erwartungen an eine mögliche Einstellungsänderung zu haben. Es existiert kein Mechanismus, mit dem das Verschwörungsdenken aufgelöst werden kann. Durch die Arbeit mit Schulklassen und festen Jugendgruppen erhoffen wir uns, dass die in unserem Seminar geschulten Schüler*innen in den an Verschwörungsideologien glaubenden Peergroups für fortlaufende Irritationen sorgen, ohne sie als jeweilige Person der Lächerlichkeit preiszugeben. Das führt in den meisten Fällen eher zum gegenteiligen Effekt. Denn Verschwörungsideologien bieten eine enorme Selbstaufwertung, indem man sich einbilden kann, zu den wenigen Wissenden zu gehören. Eine Abwertung der entsprechenden Personen verstärkt diese Funktionsweise des Verschwörungsdenkens bloß noch mehr. Entsprechend gehen wir in unseren Seminaren wertschätzend und respektvoll mit allen Schüler*innen um und ziehen eine klare Grenze bei abwertenden Positionen.

Christoph Hövel, Bildungsreferent des Modellprojekts #Kopfeinschalten

Mitmachen beim #Kopfeinschalten-Seminar

Das Modellprojekt #Kopfeinschalten – Kritisch gegen Verschwörungsdenken wird federführend von der Bildungseinrichtung Salvador-Allende-Haus durchgeführt. Es werden Seminare angeboten, die die Teilnehmenden über Verschwörungsideologien aufklären, ihre Kritikfähigkeit fördern sowie den Umgang innerhalb der Peergroup verändern sollen. Die Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren. Die Seminarinhalte sind dabei der jeweiligen Altersgruppe und dem Kenntnisstand der Jugendlichen angepasst. Nach Ablauf der Modellphase soll ein gut evaluiertes Konzept für Seminare zum Thema entwickelt worden sein. Die Seminarmethoden und das Konzept werden anschließend durch Schulungen und eine Publikation anderen Trägern der politischen Jugendbildung zur Verfügung gestellt und Teil des festen Angebots der Bildungsarbeit des Salvador-Allende-Hauses sein.

Aktuell werden noch Schulklassen gesucht, mit denen das Seminarkonzept durchgeführt werden kann. Das dreitägige Seminar, inklusive Übernachtung und Verpflegung, findet im Salvador-Allende-Haus in Oer-Erkenschwick statt. Pandemiebedingt können auch kürzere Angebote vor Ort in der Schule oder online realisiert werden.

Teilnehmen können Schulklassen und Jugendgruppen. Interessierte können per E-Mail an info@kopfein.de oder telefonisch unter 02368 6906-52 Kontakt aufnehmen; Ansprechpartner ist Christoph Hövel.

Foto: ThomasShanahan / istockphoto.com

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