Ayla Çelik ist neue Landesvorsitzende

Ein Gespräch über ihre Ziele für die GEW NRW

Seit Juni dieses Jahres ist Ayla Çelik an der Spitze der GEW NRW – gewählt bis zum Gewerkschaftstag im Mai 2022. Bis dahin stehen mit Bundes- und Landtagswahl sowie einer Tarifrunde Großereignisse an, die entscheidenden Einfluss auf den Bildungsbereich haben. Im Interview sprachen wir mit unserer Landesvorsitzenden über Herausforderungen und ihre neue Rolle.

Ende Juni bist du zur neuen Landesvorsitzenden der GEW NRW gewählt worden – herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet es dir persönlich, den Landesverband anzuführen?

Ayla Çelik: Erst 2019 bin ich zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt worden. Hätte man mir damals prophezeit, noch in meiner laufenden ersten Wahlperiode zur Vorsitzenden der GEW NRW gewählt zu werden, hätte ich das als realitätsfern abgetan. Nun noch mehr Verantwortung zu tragen, ist für mich eine große Ehre und gleichzeitig Ansporn. Die Vielzahl der Tätigkeiten und die Erwartungen, die an die Vorsitzende gestellt werden, sind mir bewusst. Sie motivieren mich und ich freue mich auf die neue Aufgabe.

Was steht auf deiner To-do-Liste derzeit ganz oben?

Ayla Çelik: Ich übernehme das neue Amt in einer spannenden Zeit, in der wir uns Herausforderungen stellen müssen, die wir uns vor Corona nicht vorstellen konnten. Unser privater wie beruflicher Alltag wird noch länger von der Pandemie beeinflusst sein. Für pandemiesichere Bedingungen in den Bildungseinrichtungen einzutreten, ist zentraler Auftrag für uns als Bildungsgewerkschaft. Wir werden weiterhin von der Politik fordern, den Gesundheitsschutz an die erste Stelle zu setzen. Derzeit sieht es leider so aus, dass das im kommenden Kita- und Schuljahr beziehungsweise im Wintersemester nicht so sein wird. Wenn die Politik größtmögliche Normalität als Ziel definiert, macht mich das misstrauisch. Wichtig wird sein, dass wir dennoch auch auf die Zeit nach der Pandemie schauen und auch schon während der Pandemie an anderen Stellen aktiv werden und Erfolge erzielen.

Was heißt das konkret? Bei welchen Themen oder in welchen Politikbereichen muss die GEW NRW aus deiner Sicht in nächster Zeit Akzente setzen?

Ayla Çelik: Wir haben im September zum einen die Bundestagswahl und im Mai 2022 die Landtagswahl vor uns. Zum anderen steht im Herbst dieses Jahres die Tarifrunde TV-L für die Beschäftigten der Länder an.

Mit den Wahlen besteht die Chance, die Weichen für den Bildungsbereich in Richtung Verbesserungen zu stellen. Daran möchte ich entscheidend mitarbeiten. Sowohl in der Bundes- als auch in der Landespolitik kann es so nicht weitergehen. Von großer Bedeutung wird dabei sein, ob wir eine Trendwende bei der Bildungsfinanzierung erreichen können. Die Tarifrunde während der Pandemie wird schwer. Im vergangenen Jahr haben wir aber bei der Tarifrunde im öffentlichen Dienst (TVöD) gezeigt, es geht. Wir können uns durchsetzen und erfolgreich sein. Auch unter selbstverständlicher Einhaltung von A-H-A- und anderen Regeln können wir aktiv sein. Mehr Geld und strukturelle Verbesserungen für unsere tarifbeschäftigten Kolleg*innen sind unser Ziel.

Natürlich sind das große Herausforderungen, aber Herausforderungen haben mich stets angespornt.

Welche bildungspolitischen Themen sind dir wichtig?

Ayla Çelik: Chancengleichheit herzustellen, muss bildungspolitische Leitlinie sein. Zum Beispiel brauchen wir mehr Schulen des längeren gemeinsamen Lernens, wir brauchen einen schulscharfen Sozialindex, der mit zusätzlichen Stellen gut ausgestaltet ist. Aber Chancengleichheit gilt nicht nur für die Schulpolitik. So ist es beispielsweise selbstverständlich, dass nur Kitas mit deutlich mehr Personal ihrem Auftrag gerecht werden können. 2019 bin ich für die Verbesserung der flächendeckend unzureichenden, belastenden Arbeitsbedingungen in unseren Bildungseinrichtungen eingetreten. Dieser Zustand muss sich immer noch ändern! Den Beschäftigten muss mehr Zeit und Raum geboten werden, damit Kinder und Jugendliche bestmöglich gefordert und gefördert werden können.

Zugleich sollen die Beschäftigten ihren Beruf als sinnstiftend und sich selbst als wertgeschätzt erleben. Sie wollen nicht länger primär Verwalter*innen von Missmanagement und Missständen sein – nach zwei Pandemie-Schuljahren erst recht nicht mehr.

Zum Schluss: Gewerkschaften schauen stets über den Tellerrand. Was ist dir außerdem wichtig?

Ayla Çelik: Unsere Mitglieder arbeiten im Bildungsbereich. Daher kommt uns die besondere Aufgabe zu, den Destabilisierungstendenzen in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken, indem wir Kinder und Jugendliche zu aufgeklärten, kritisch denkenden Menschen erziehen, die populistischen Hetzer*innen nicht auf den Leim gehen. Die beste Medizin gegen Hass und Hetze ist die reflektierte Demokratie. Gegen rechts wird die GEW NRW stets auch im Wahljahr erkennbar und laut sein. Versprochen! //

Die Fragen stellte Vanessa Glaschke, Redakteurin in der lautstark.-Redaktion

Foto: Alena Wiescholek

 

Forderungen der GEW NRW für das Schuljahr 2021/2022

Die GEW NRW fordert ein Sofortprogramm Bildung in der Pandemie, um die Schulen auf das neue Corona-Schuljahr vorzubereiten. Vier Maßnahmen sind dabei entscheidend:

  • Infektionsschutz durch flächendeckend ergänzend einzusetzende Luftfilter erhöhen sowie durch Ausweitung mobiler Impfteams an Schulen
  • Pandemiefolgen auffangen durch eine langfristige Perspektive über 2021 hinaus
  • Schulen personell unterstützen und den chronischen Lehrkräftemangel beheben
  • Digitalisierung vorantreiben

Sofortprogramm Bildung in der Pandemie

 

 

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Kommentare (2)

  • Bernd Müller Liebe Ayla, es ist zu begrüßen, dass Du neue GEW NRW Vorsitzende bist. Nur, die GEW beißt z.Z. ihre Gegner nicht und taucht auch in der öffentlichen Wahrnehmung kaum auf: immer wieder hört man in letzter Zeit mehr von Lehrerverbänden. Im Text werden überwiegend Absichtserklärungen genannt: Was ganz konkret in Schulen getan werden muss, ist bekannt. Nur, es werden z.B. von den Gemeinden keine Entlüfter angeschafft. In Quarantäne wird nur noch der/die Infizierte geschickt. KuK werden als C-Treiber diffamiert, dabei sind fast alle LuL geimpft. Ich bin zum Glück nun Rentner. Trotzdem: die GEW muss beherzter auftreten. Ihr Ruf in die Gesellschaft nach mehr Gerechtigkeit im Bildungswesen und darüber hinaus muss lauter werden: lautstark eben. LG. Glück auf. Bernd
    • Volker Maibaum Die Vorsitzende ist nicht die GEW. Die GEW sind die Mitglieder. Diese Mitglieder müssen an der Schule und in KiTas sichtbar sein. Die Mitglieder müssen in der Schule auftreten und sagen so geht das nicht. Die GEW ist eine Mitmachgewerkschaft, die mehr ist als nur den Rechtsschutz und Schlüsselversicherung.
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