Corona-Schuljahr wird eine Gratwanderung

Kommentar zum Schulbetrieb nach den Sommerferien

Das Corona-Schuljahr im angepassten Regelbetrieb ist gestartet. Statt auf Abstand wird dabei auf die Maske gesetzt. GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern kritisiert diese Entscheidung und zeigt, an welchen Stellen es bei der Umsetzung hapern wird.

Maike Finnern kritisiert das Vorgehen der Landesregierung.

Durch die Corona-Pandemie haben sich der gesellschaftliche und pädagogische Alltag drastisch verändert. Maske tragen und Abstand halten gehören inzwischen überall zur Etikette, um andere und sich selbst vor einer Infektion zu schützen. Dass diese Verhaltensregeln insbesondere in der pädagogischen Arbeit immer aufrechterhalten werden können, ist unrealistisch: Das Schuljahr 2020/2021 ist ein besonderes, es ist ein Corona-Schuljahr. Schule, wie sie vor dem 16. März dieses Jahres stattgefunden hat, wird es vorerst nicht geben, denn Schule unter Corona-Bedingungen ist eine Gratwanderung zwischen der Umsetzung des Rechts auf Bildung und dem Gesundheitsschutz für alle Beteiligten – der Beschäftigten und Schüler*innen sowie aller Familien. Für die GEW NRW ist klar: Solange der Abstand grundsätzlich als eines der wichtigsten Elemente zur Vermeidung von Infektionen gilt, solange muss er auch in den Schulen das Mittel der Wahl bleiben. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat das leider anders entschieden. Das Ministerium für Schule und Bildung (MSB) NRW spricht ausschließlich von einem angepassten Regelunterricht, einen Plan B oder gar C, wie in anderen Bundesländern, gibt es nicht. Möglichkeiten zur Durchführung von Präsenzunterricht unter Wahrung der Abstandregelungen, wie durch Epochenunterricht oder fächerübergreifende Projekte sowie durch die Entzerrung des Unterrichts oder Hybridunterricht, sind nicht diskutiert worden. Und das, obwohl solche Ersatzpläne insbesondere mit Blick auf eine mögliche zweite Infektionswelle dringend notwendig wären.

Präsenzunterricht ja, aber unter bestimmten Bedingungen

Es ist richtig, wieder so viel Präsenzunterricht wie möglich durchzuführen. Die Vorgabe zur Durchführung eines Regelbetriebs unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes verkennt aber die Realitäten vor Ort. Zu viele Schulen haben Räume, die nicht ausreichend gelüftet und somit nicht genutzt werden können. Zu viele Schulen sind deutlich unterbesetzt, selbst das Ministerium spricht von einer teilweise lediglich 70-prozentigen Stellenbesetzung. Zu viele Schulen (70 Prozent) haben keine schnelle Breitbandanbindung, die für Präsenzunterricht, aber auch für die Umsetzung von Lernen auf Distanz notwendig ist. Insbesondere bei einer Mischung beider Unterrichtsformen, die je nach Situation notwenig werden kann, werden viele Lehrkräfte von der Schule aus E-Mails verschicken und Unterricht via Video durchführen müssen. Feste Gruppen und nachvollziehbare Kontakte unter Schüler*innen und Lehrkräften sind absolut notwendig, bringen aber auch einen immensen Organisationsaufwand mit sich.

Schulen brauchen Unterstützung

Diese Missstände und zu schaffende Rahmenbedingungen stellen die Schulen vor enorme Herausforderungen, bei denen sie Unterstützung und Rückendeckung des Ministeriums benötigen. Es muss dafür sorgen, dass die Erwartungen an die Schulen nicht unerfüllbar sind. Dass der stellvertretende Ministerpräsident Lehrkräften vorwirft, es sich in der Corona-Krise im Homeoffice bequem gemacht zu haben, ist in diesem Zusammenhang nicht nur kontraproduktiv, sondern ungehörig und unverschämt.

Umsetzung von Maßnahmen fehlerhaft und zu langwierig

Die GEW NRW hat erreicht, dass im aktuellen Schuljahr regelmäßige und anlassbezogene Tests für alle Beschäftigten in Kitas, offenem Ganztag und Schule ermöglicht werden. Beschäftigte, die einer Risikogruppe angehören, werden weiterhin über ein Attest vom Präsenzunterricht beziehungsweise von der Arbeit in den Gruppen befreit. Die mangelnde Qualität der Maßnahmen zeigt sich nun allerdings in der Umsetzung: So erfahren Kolleg*innen, die sich testen lassen wollen, dass sie keine Termine bei ihrem Arzt bekommen. Durch die zeitgleiche Testung von Rückkehrer*innen aus dem Urlaub wird die Durchführung von Tests noch erschwert. Die Kolleg*innen können zu Recht erwarten, dass es landesweit einheitliche und verbindliche Regelungen so rechtzeitig gibt, dass alle von ihrem Recht auf einen Test Gebrauch machen können. Ähnlich gelagert ist die Situation bei den Dienstgeräten für alle Lehrkräfte: Die langjährige GEW-Forderung soll zwar endlich Realität werden, doch auch hier hapert es gewaltig an der Umsetzung. So wird es zum Teil aufgrund von Ausschreibungen für die Beschaffung von Endgeräten sowie entsprechender Vorlaufzeiten noch Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis die Geräte da ankommen, wo sie schon lange hingehören.

Schulen endlich für die Zukunft fit machen

Es zeigt sich: Versäumnisse der letzten Jahrzehnte treten in der Krise noch deutlicher zutage. Aufgabe für die Zukunft, auch vor dem Hintergrund wegfallender Steuereinnahmen, bleibt es, unser Schulsystem krisenfest zu machen und den Bildungserfolg von der Herkunft abzukoppeln. Dafür brauchen wir in den kommenden Jahren erheblich mehr Geld für Bildung, ein Investitionspaket für die Sanierung von Schulgebäuden und den schulscharfen Sozialindex. Die Aufgabe des Landes NRW als Arbeitgeber für rund 200.000 Beschäftigte in den Schulen ist es, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen – da ist viel zu tun. Dazu gehört auch die gerechte und angemessene Entlohnung der Beschäftigten, sowohl die Vergleichbarkeit der Lehrämter als auch der Statusgruppen. Die GEW NRW wird Notwendigkeiten weiterhin einfordern und auch die aktuellen Geschehnisse im Corona-Schuljahr im Blick behalten, um sich für die Belange aller an Schulen Beschäftigten einzusetzen. Denn es kann nicht sein, dass in der Öffentlichkeit zunehmend die Lehrkräfte für die Fehler der Politik verantwortlich gemacht werden.

Maike Finnern,
Vorsitzende der GEW NRW

Foto: Alena Matveyenka

Kommentieren
Die mit (*) gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare (0)

24
Deine Meinung? Jetzt kommentieren!