Wie klappt’s mit der Lehrkräfte-Ausbildung in der Krise?

Referendarin, Schulleiter und Ausbilder im Gespräch

Drei Personen, drei Sichtweisen: Im Interview mit der lautstark. erklären die Referendarin Carolin Kleinsorge, der stellvertretende Schulleiter Stefan Schubert und der Ausbilder Björn Dexheimer, wie Ausbildungsunterricht im Corona-Chaos funktioniert.

Carolin, du bist Lehramtsanwärterin in Dortmund. Wie funktioniert deine Ausbildung im Moment?

Carolin Kleinsorge: An meiner Schule sind viele meiner Kolleg*innen mit digitalen Medien sehr vertraut und bereit, digitalen Ausbildungsunterricht zu erteilen. Das ist toll! Natürlich ist die Beschulung über Videochats und Wochenaufgaben mit Präsenzunterricht kaum vergleichbar und alle Beteiligten hätten mehr davon, normalen Unterricht zu genießen, aber unter den gegebenen Umständen ist eine persönliche Betreuung auf Distanz und die Chance auf Kooperation und Feedback schon das Optimum dessen, was man erwarten kann. Viele meiner Mit-LAA haben größere Probleme. Einige hatten zum Zeitpunkt der Schulschließung gerade eine Ausbildungsphase abgeschlossen und eventuell kurzzeitig keinen Ausbildungsunterricht. Sich nach der Schulschließung diesen zu organisieren, während generell Chaos herrscht und die Kolleg*innen selbst überfordert sind, gestaltete sich schwierig. Da hat die Ausbildung der Referendar*innen verständlicherweise nicht oberste Priorität.

Und wie hast du als stellvertretender Schulleiter in Oberhausen die Situation erlebt, Stefan?

Stefan Schubert: Ich nehme wahr, dass die Referendar*innen sich sehr intensiv mit den neuen Herausforderungen des digitalen Lernens beschäftigen. Hierbei kommt ihnen natürlich auch die Begleitung durch die Seminare zugute, die sich intensiv auf die neue Situation einstellen. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eben eine grundlegend veränderte Arbeit ist, die ungeplant über Nacht umgesetzt werden musste.

Dazu kommen extreme Ungleichheiten sowohl in der Arbeit in den Seminaren selbst als auch an den vielen Einzelschulen aufgrund der sehr unterschiedlichen räumlichen und personellen Rahmenbedingungen vor Ort. Die digitale Schullandschaft ist noch wesentlich inhomogener als die analoge Schullandschaft es immer schon war. Die Zusammenarbeit der Referendar*innen ist ein ebenfalls schwieriges Handlungsfeld, da auch hier Lernen auf Distanz eine große Herausforderung darstellt. Zudem finden sich die ausbildenden Lehrer*innen selbst in einer völlig neuen Lehrsituation wieder. Das Unterrichten von bekannten Lerngruppen ist derzeit ein großer Vorteil. Die Ausbildung in neuen Lerngruppen mit Schüler*innen, die man nur digital und nicht persönlich kennt, stellt eine neue Qualität der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden dar. Hier zeigen sich deutliche Grenzen der digitalen Betreuung.

Björn, wie siehst du das als Ausbilder im Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Mönchengladbach?

Björn Dexheimer: Die Ausbildungsarbeit im Fachseminar findet zurzeit ausschließlich auf Distanz statt. Über die Moodle-Lernplattform werden von mir Inhalte bereitgestellt und diese können von den Lehramtsanwärter*innen bearbeitet werden. Gruppenarbeiten werden über andere Wege ermöglicht, zum Beispiel mit den Tools zumpad oder padlet. In Videokonferenzen führen wir alles zusammen, diskutieren und besprechen die Ergebnisse. Die Videokonferenz ist auch eine gute Möglichkeit, sich zu treffen, sich zu sehen und Sorgen und Nöte zu besprechen. Individuelle Beratung erfolgt ebenfalls auf dem Weg der Videokonferenz. Das ist persönlicher als nur zu telefonieren, außerdem können so die Unterrichtsreflexionen besprochen werden, die ja auch Eingang in die Bewertung nehmen. Unterrichtsbesuche per Videokonferenz sind angedacht, konnten bisher aber noch nicht stattfinden.

Was klappt gut und wo seht ihr Herausforderungen?

Stefan Schubert: Die Beratung, der Austausch, der Einsatzwillen vieler Kolleg*innen, der Auszubildenden und deren Betreuer*innen sind enorm. Alle weiteren Arbeitsfelder stellen eine große Herausforderung dar. Die digitale Ausstattung ist ein Problem, die Koordination und Organisation erfordert sehr viel Zeit und ist deutlich komplexer und komplizierter. Eine Ausbildung in bekannter Weise erscheint derzeit nicht denkbar. Das gilt für alle Elemente: Seminarausbildung, Betreuung durch die Lehrer*innen, Unterrichtsbesuche, Nachgespräche, Vergleichbarkeit der Ausbildungssituation, grundlegend verändertes Lehren, keine Beobachtung von sozialer Interaktion in der Schule. Es entsteht eine unendlich erscheinende Liste offener Fragen und Probleme. Als Schulleitung in der Beurteilungs- und Beratungspflicht ist die Betreuung von zehn Referendar*innen eine extreme Herausforderung parallel zum Krisenmanagement der Gesamtsituation. Hier muss den besonderen Umständen durch eine Veränderung in den Anforderungen an die Referendar*innen und die Schulen unbedingt Rechnung getragen werden.

Björn Dexheimer: Trotz der guten Möglichkeiten und Erfahrungen, die Ausbildung auf Distanz zu gestalten, ist die Beratung deutlich unpersönlicher. Ganze Ausbildungsbereiche fallen weg. Letztlich alles, was die Lehrpersönlichkeit in der Interaktion mit Schüler*innen betrifft. Unterricht kann nur noch sachlich und theoretisch reflektiert werden. Dabei entstehen zwar hervorragende Unterrichtsideen und Entwürfe, deren Erprobung und damit auch das wichtige Erfolgsgefühl einer guten Stunde bleiben aus. Die größte Herausforderung ist, auf eine Staatsexamensprüfung vorzubereiten, die eventuell wieder im Präsenzunterricht stattfindet.

Carolin Kleinsorge: Im Allgemeinen klappt schon vieles sehr gut. Die ZfsL und Schulleitungen kommunizieren fleißig, um alle auf den neuesten Stand zu bringen. Der Schul- und Ausbildungsbetrieb läuft irgendwie weiter, und gerade was den digitalen Seminarbetrieb in Kombination mit Wochenaufgaben angeht, behaupte ich: Die Seminararbeit ist produktiver und ertragreicher geworden.

Für uns ist wahrscheinlich die größte Herausforderung die Unsicherheit. Lange war nicht klar, wie ein Unterrichtsbesuch in Zeiten von Corona auszusehen hat, und selbst jetzt gibt es keine einheitlichen Standards, an denen man sich orientieren könnte. Als Lehramtsanwärter*innen fahren wir mit unserer Planung also nicht nur „auf Sicht“, wie das in Behördenkreisen gern gesagt wird, sondern im Blindflug. Inwiefern einem diese Unsicherheit noch vor einem Unterrichtsbesuch genommen wird, hängt von der Fachleitung ab. Das ist wenig fair und extrem unbefriedigend.

Gilt der Blindflug auch für die unterrichtspraktische Prüfung?

Carolin Kleinsorge: Ja, es ist unklar, ob diese in der normalen Form stattfinden kann oder ob für uns die coronabedingten, alternativen Prüfungsformate des letzten Jahrgangs zugelassen werden. Beides hat seine Vor- und Nachteile.

Für eine normale UPP spricht, dass dies zu Recht das klassische Prüfungsformat ist, da es dem regulären Alltagsgeschäft von Lehrkräften am meisten entspricht, und dass der Großteil unserer Ausbildung auf dieses Prüfungsformat vorbereitet. Bei uns gilt das allerdings nicht für die wichtigen vierten und fünften Unterrichtsbesuche, die schon in Anlehnung an das alternative Prüfungsformat stattfanden. Dennoch liegt vielen LAA die Praxis wesentlich mehr als die schriftliche Planung. Sie haben Bedenken, ihre Stärken im alternativen Prüfungsformat nicht gebührend ausspielen zu können. Die Verunsicherung ist groß!

Für alternative Prüfungsformate spricht, dass wir von Mitte März bis mindestens Mitte August nicht beziehungsweise wenig regulär unterrichtet haben, aber dann von uns erwartet wird, dass wir in wenigen Wochen wieder so in der Praxis ankommen, dass wir fit für eine Prüfung sind. Und nicht nur wir, sondern auch unsere Kurse müssen wieder auf Spur gebracht werden. Das ist eine riesige Herausforderung und lässt viele Fragen offen: Wie schaffe ich es, meine Schüler*innen wieder auf einen gemeinsamen Stand zu bringen? Wie schaffe ich es, meine Schüler*innen da abzuholen, wo sie leistungsmäßig sind, und trotzdem ein mit dem Kernlehrplan kompatibles Unterrichtsvorhaben auf UPP-Niveau zu planen? Einige LAA müssen ihre Prüfung in Kursen machen, die sie erst seit wenigen Wochen kennen. Keine optimalen Voraussetzungen! Viele LAA würden eine verbindliche Festlegung auf ein alternatives Prüfungsformat bevorzugen, denn darauf kann man sich einstellen und vorbereiten. Die Ungewissheit schafft Verunsicherung und Unmut.

Inwiefern könnte die Krise auch eine Chance für Ausbildung sein?

Stefan Schubert: Mit Blick auf die extreme Ungleichheit in den Möglichkeiten der einzelnen Schulen und bei klarem Bewusstsein über eine wirklich ungerechte und herausfordernde Ausbildungssituation für alle Beteiligten gibt es meines Erachtens nur zwei Vorteile: Der erste liegt darin, dass allen schulischen Akteuren noch einmal die Begrenztheit digitalen Lernens deutlich wird. Schule ist ein Ort der Begegnung und der sozialen Interaktion – dies wird auch und gerade im Rahmen der aktuellen Ausbildungssituation deutlich. Die jungen Lehrer*innen sind in der Regel fachlich gut ausgebildet, aber die Umsetzung in didaktisch sinnvollen Unterricht lernen sie vor Ort. Vor allem aber ist die Ausbildung in der pädagogischen Begleitung der jungen Menschen extrem wichtig und kann derzeit nur begrenzt stattfinden. Der zweite Vorteil ist naturgemäß die aktuelle Intensität bei der Auseinandersetzung mit didaktisch-pädagogischen Konzepten zur Umsetzung des digitalen Lernens. Hier entstehen sicherlich tolle Ideen, Unterrichtsprojekte und innovative Vorgehensweisen. Aber letztendlich kann man Lehrer*innen nicht physisch getrennt von ihren Schüler*innen sinnvoll ausbilden.

Björn Dexheimer: Die Chance für die Ausbildung besteht in den Erfahrungen, die zurzeit mit dem Lernen auf Distanz gemacht werden. Die Lehramtsanwärter*innen können digitale Verfahrensweisen kennenlernen und erproben, die sehr weitgehend den Bedingungen des digitalen Lernens und der digitalen Transformation entsprechen und in der Ausbildungsordnung auch vorgesehen sind. Selbst in den noch zahlreichen Fällen, in denen die Ausstattung der Schulen nur erste Schritte in diese Richtung ermöglicht, können die Lehramtsanwärter*innen erfahren, welche Gelingensbedingungen für den Unterricht mit digitalen Medien notwendig wären, und erweitern so ihr Wissen in diesem Bereich. Gerade für den aktuellen Jahrgang können digitale Arbeits- und Aufgabenformate selbstverständlicher entwickelt werden.

Carolin Kleinsorge: Genau, unser Jahrgang ist in Sachen Digitalisierung mit allen Wassern gewaschen. Viele von uns hatten vor Corona schon eine Affinität zum Einsatz von digitalen Medien im Unterricht, aber durch die Krise haben sich alle damit auseinandergesetzt. Besonders schön ist, dass man mit seinen Ausbildungslehrer*innen die Rollen tauscht und vom Lehrling zum Lehrenden wird, um Zoom, Google Docs und Co. zu erklären.

Außerdem behaupte ich, dass nur wenige Jahrgänge am Ende ihrer Ausbildung einen so authentischen und umfassenden Einblick in das System Schule bekommen haben wie wir. Durch das aktuelle Chaos werden einem Behördenstrukturen und die entsprechenden Zuständigkeitsbereiche der einzelnen Instanzen immer wieder verdeutlicht. Die enge Zusammenarbeit und der rege Austausch zwischen LAA-Vertreter*innen und ZfsL schaffen eine gute Basis für zukünftige Kooperation. Sie zwingen alle Beteiligten, andere Perspektiven einzunehmen, was sich positiv auf die Ausbildungsbedingungen nachfolgender Jahrgänge auswirken könnte.


Die Fragen stellte Jessica Küppers.

Fotos: AdobeStock / TIMDAVIDCOLLECTION; privat (Carolin Kleinsorge); GEW (Björn Dexheimer); Wolfgang Flik (Stefan Schubert)

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