Sexualisierte Gewalt: Täter*innen verstecken sich oft anonym im Netz

Wildwasser Hagen bietet Beratung, Prävention und Fortbildung

Viele Frauen und Mädchen erleben mindestens einmal im Leben sexualisierte Gewalt. Hilfe bekommen sie zum Beispiel beim Verein Wildwasser aus Hagen. Zum Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November 2019 erklärte Kinderschutzfachkraft und Lehrerin Petra Rottmann, wie Schulen Lehrkräfte und Schüler*innen schützen können.

Sexualisierte Gewalt hat viele Gesichter. Welche Form der Gewalt begegnet Ihnen bei Wildwasser am häufigsten?

Petra Rottmann: Sexualisierte Gewalt ist ein Oberbegriff für Formen von sexuellem Missbrauch, sexuellen Übergriffen und Grenzüberschreitungen. Sexualisierte Gewalt umfasst jede Handlung oder Bemerkung, die darauf ausgerichtet ist, Macht und Autorität missbräuchlich auszuüben. Sexualisierte Gewalt findet häufig mittels verbaler Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen statt, aber auch in der Konstellation von Lehrkräften gegenüber Schüler*innen: Sexistische Witze, herabsetzende, sexualisierte Kommentare über das äußere Erscheinungsbild, sexuelle Annäherungen und sexuelle Handlungen sind Formen der sexuellen Belästigung und Gewalt, die Schüler*innen erleben. Doch Übergriffe durch Lehrkräfte sind nach wie vor ein Tabuthema an Schulen, wodurch Schutz und Unterstützung für Betroffene erschwert werden. Von daher betrachten wir die Entwicklung von Schutzkonzepten an Schulen als äußerst sinnvoll, um Kollegien unter anderem für angemessene Nähe und Distanzverhalten zu sensibilisieren und um den Schüler*innen zu signalisieren, dass sexualisierte Gewalt in der Schule unerlaubt ist und Lehrkräfte im Falle eines Übergriffs verantwortungsbewusst handeln. Durch die Entwicklung eines Beschwerdemanagements können Betroffene sich leichter Hilfe holen.

Und wie zeigt sich diese Gewalt außerhalb von Schule?

Petra Rottmann: Im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel in Schwimmbädern oder an Bushaltestellen, gibt es sowohl verdeckte als auch deutlich sichtbare Formen von sexualisierter Gewalt. Dann gibt es die Lebensbereiche der Kinder und Jugendlichen, die eigentlich Schutzorte sein sollten, das heißt frei von jeglicher Gewalt, wie das Elternhaus oder der gesamte Freizeitbereich. In diesen Bereichen spielen Übergriffe sowohl unter Jugendlichen als auch zwischen Erwachsenen und Kindern beziehungsweise Jugendlichen eine Rolle.

Was bedeutet das im Einzelfall? Wie sieht so ein Übergriff in der Regel aus?

Petra Rottmann: Die Grenzverletzungen oder Übergriffe finden Face to Face oder via digitaler Medien statt. Es ist weit verbreitet, dass Mädchen* und Jungen pornografische Bilder und Filme geschickt bekommen oder aufgefordert werden, Fotos von sich zu senden, auf denen sie leicht bekleidet oder nackt sind. In solchen Fällen spricht man von Sexting. Wir gehen davon aus, dass in den digitalen Lebenswelten der Jugendlichen die Zahl der Übergriffe weiter ansteigt, da das Internet den Täter*innen Anonymität  bietet und somit auch einen gewissen Schutz. Weitere Gewaltformen, die in Bezug auf Schutz in der Anonymität eine große Rolle spielen, sind Cybermobbing und Cybergrooming – also das gezielte Ansprechen von Jungen und Mädchen im Internet. Immer mehr Kinder unter zwölf Jahren haben ein internettaugliches Handy. Die von ihnen aufgesuchten Chatrooms oder Onlinespiele basieren auf der digitalen Kommunikation. Dieser Austausch ermöglicht es Täter*innen, unter falscher Identität leicht Kontakt zu Kindern aufzunehmen.

 

Wie kommen Mädchen, die solche Gewalterfahrungen machen mussten, zu Ihnen?

Petra Rottmann: Die Mädchen lernen uns über die Angebote in unserem Mädchentreff oder an ihren Schulen kennen. Auf Anfrage richten wir dort Selbstbehauptungskurse oder Projekte zur Stärkung von Mädchen aus. Es kommt vor, dass sich anschließend Mädchen mit Gewalterfahrungen bei uns melden, um sich Unterstützung zu holen. Häufiger entsteht der Kontakt allerdings über die Lehrer*innen oder Sozial-
pädagog*innen, die unsere Einrichtung kennen. Die Mädchen kommen dann oft in Begleitung der Bezugspersonen in unsere Einrichtung oder wir gehen in die Einrichtung der Mädchen. Telefonische Erstkontakte kommen auch vor, genau wie Anfragen per E-Mail. Diese Kontaktaufnahmen finden allerdings seltener statt, denn niedrigschwelliger ist das persönliche Kennenlernen über die Gruppenangebote. Hier entscheiden Mädchen, ob ihnen die zunächst fremden Frauen vertrauenswürdig und sympathisch genug erscheinen, um sich ihnen später mit ihren Problemen anzuvertrauen.

Sexualisierte Gewalt ist gesellschaftlich nicht akzeptiert. Warum ist Gewalt gegen Mädchen trotzdem noch so präsent?

Petra Rottmann: Der Großteil der Gesellschaft wird sich so äußern, dass er sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ablehnt. Sexistische und frauenverachtende Äußerungen von Menschen aus Politik, Sport und Kultur oder Werbung, die Frauen und Mädchen diskriminieren, zeigen aber auch ein anderes Bild der Gesellschaft. Es gibt gesellschaftliche Strukturen, die Gewalt oder das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen fördern. Hierzu gehören beispielsweise die ungleiche Entlohnung für gleiche Arbeit bei Männern und Frauen. Auch das umstrittene Urteil des Berliner Landgerichts im Fall der sexualisierten verbalen Gewaltattacken gegen Renate Künast sendet kein gutes Signal, um eine klare Haltung gegen Gewalt an Frauen und Mädchen zu zeigen. Im Gegenteil.

Welche Tipps würden Sie Lehrkräften geben, die einen Verdacht bei ihren Schüler*innen haben?

Petra Rottmann: Kinder und Jugendliche, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, werden versuchen, sich ihre Ansprechpartner*innen selbst auszuwählen und sich eher jemandem anvertrauen, von dem sie annehmen, dass er oder sie ihnen zunächst Unglaubliches glaubt. Missbrauch wird oft nicht für möglich gehalten, da die Taten unvorstellbar scheinen. Lehrer*innen, die schon in gutem, wertschätzendem und respektvollem Kontakt zu ihren Schüler*innen stehen, können besser deren Signale nach Unterstützung deuten. Um angemessene Hilfe anbieten zu können, ist es sinnvoll, sich in Lehrer*innenfortbildungen mit den Dynamiken von sexualisierter Gewalt und der eigenen Haltung auseinanderzusetzen. Lehrkräfte, die vermitteln können, dass sie über Ausmaß und Häufigkeit von sexualisierter Gewalt Kenntnis haben und Stabilität sowie Ruhe signalisieren, bringen wichtige Voraussetzungen für die Intervention mit. Weiterhin ist der Kontakt zu Fachberatungsstellen notwendig, um sich als Lehrkraft bei einem Verdacht Unterstützung zu holen.

* Wenn von Frauen, Mädchen, Männern und Jungen die Rede ist, sind auch trans- und intersexuelle Personen gemeint.


Die Fragen stellte Jessica Küppers.

Illustrationen: Mary Long / shutterstock.com

 

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