Rechtsextremismus in Schulbüchern: Perspektiven erweitern!

Anregungen für eine rassismuskritische Auseinandersetzung

Rechtsextremismus kommt in Schulbüchern eindeutig zu kurz. So lautet der Befund von Kathalena Essers, die für ihre Masterarbeit nordrhein-westfälische Unterrichtswerke untersucht hat. Wo genau liegen die Probleme? Und wie können rassismuskritische Ansätze für eine umfassende Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus aussehen?

Schulbüchern kommt eine enorm hohe gesellschaftliche Bedeutung zu. Sie enthalten, was Schüler*innen lernen und Lehrer*innen vermitteln sollen. Sie müssen aktuelle politische Diskurse abbilden, im Lehrplan festgelegte Kompetenzen vermitteln und gesetzlichen Ansprüchen gerecht werden. Eine nähere Betrachtung der Inhalte, die zum Thema Rechtsextremismus in Lehrbüchern für Gesellschaftslehre- und Politikunterricht in NRW vermittelt werden, führt indessen zu problematischen Befunden: In den meisten Veröffentlichungen wird die extreme Rechte von ihren gesamtgesellschaftlichen Entstehungskontexten und Resonanzräumen entkoppelt.

Rechtsextremismus nicht als individualisiertes Randphänomen thematisieren

Weltanschauliche und ideologische Grundpositionen werden entpolitisiert, extrem rechte Haltungen und Einstellungsmuster in psychologisierender und individualisierender Form gedeutet. Nur selten werden Zusammenhänge zwischen diskriminierenden Strukturen und Mechanismen innerhalb der Gesamtgesellschaft und extrem rechten Ideologien aufgezeigt. Die Schilderung unterschiedlicher Ausprägungen von Alltagsdiskriminierung findet nur selten Eingang in Schulbücher. Die Perspektiven derjenigen, die von Diskriminierung betroffen sind, bleiben in diesen Darstellungen marginal. Allenfalls extrem rechte Gewalt als gleichsam spektakulärste Form diskriminierender Praktiken wird bisweilen in Schulbüchern aufgegriffen.

Nehmen wir die extreme Rechte als Herausforderung ernst, dürfen Schulbücher Rechtsextremismus nicht als individualisiertes Randphänomen thematisieren. Vielmehr müssen sie auf Rassismus, Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen als Teil rechter Ideologien und gesellschaftlicher Strukturen eingehen. Denn nur wenn diese Bezüge hergestellt werden, kann eine kritische Auseinandersetzung mit der extremen Rechten und ihren gesellschaftlichen Resonanzräumen angestoßen werden.

Zu eng gefasste Definition und vereinfachende Stereotype

Dass diese Perspektive in Schulbüchern bisher kaum eingenommen wird, liegt – so meine These – vor allem daran, dass die extreme Rechte durch die Brille eines sicherheitsbehördlichen Begriffs von Rechtsextremismus betrachtet wird. Die häufig genutzten stereotypen Bilder von glatzköpfigen Männern in Bomberjacke und Springerstiefeln unterstützen dieses Deutungsmuster zusätzlich. Die sicherheitsbehördliche Definition von Rechtsextremismus fokussiert in erster Linie die Bedrohung der Freiheitlichen Demokratischen Grundordnung und somit der formalen Demokratie sowie strafbares Verhalten durch extrem rechte Akteur*innen. Das verstellt den Blick für eine tiefer gehende inhaltliche Auseinandersetzung mit Phänomenen, die auf unterschiedlichen Ebenen das Zusammenleben unserer Gesellschaft und konkrete Gruppen von Menschen bedrohen.

Die Betroffenenperspektiven sichtbar machen

Stärker sozialwissenschaftlich orientierte Perspektiven sollten Schüler*innen dazu befähigen, einerseits Analysekompetenz für ihren Alltag zu entwickeln und sich andererseits einen eigenen politischen Standpunkt zu bilden. Diese Zugänge ermöglichen fundiertere Analysen weltanschaulicher Positionen und Haltungen, die in ihrem Kern Menschen ausgrenzen, abwerten und bedrohen.

Ein zentrales Ziel, das in unterschiedlichen Lehrplänen des Landes NRW für den Politik- und Gesellschaftslehreunterricht definiert wird, ist die Befähigung zur einer „[mündigen] und [verantwortungsbewussten] Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sowie an demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen“, wie es beispielsweise im Kernlehrplan für Politik und Wirtschaft in der Sekundarstufe I am Gymnasium heißt. Wenn Perspektiven Betroffener rechter Gewalt und Diskriminierung in einer vorwiegend staatsfixierten Betrachtungsweise gleichsam unsichtbar erscheinen, können sie auch nicht besprechbar werden. Die Darstellung der extremen Rechten bleibt fixiert auf ihre Protagonist*innen. Dies korrespondiert mit dominanten Erzählungen in Gesellschaft, Medien und Politik insgesamt, in denen Perspektiven Betroffener von Diskriminierung ebenso marginalisiert sind. Exemplarisch für diesen eingeschränkten Blick ist die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex und der weitgehenden Ignoranz der Forderungen und Perspektiven der Angehörigen und Betroffenen.

Schulische Bildung sollte zu Empathie und Solidarität mit Betroffenen und ihren Perspektiven anregen. Sie könnte dazu beitragen, dass auch Menschen die als „die Anderen“ in unserer Gesellschaft markiert werden, eine Stimme erhalten. Sie können Vorbilder für Betroffene in der Schüler*innenschaft sein oder Nicht-Betroffene für diese Perspektiven sensibiliseren. Demnach kommt es künftig darauf an, Unterrichtsmaterial zu entwickeln, das zum Austausch über Diskriminierungserfahrungen anregt und Schüler*innen ermutigt, von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten. Das kann für Diskriminierung als strukturierendes Phänomen unserer Gesellschaft zu sensibilisieren. Diese Momente sollten nicht erzwungen, sondern durch die Thematisierung von Betroffenenperspektiven als maßgeblichen Zugang für die Betrachtung von Diskriminierung und rechter Gewalt, ermöglicht werden.

Umfassende Auseinandersetzung braucht Rassismuskritik

Bemerkenswert ist zudem, dass in Schulbüchern nicht nur eine Dethematisierung alltäglicher Diskriminierungserfahrungen und Kontexte zu beobachten ist, sondern auch die Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik, die sich bis in die 1950er Jahre zurückverfolgen lässt, kaum Erwähnung findet. Eine weitere Reduktion ist die Darstellung der extremen Rechten als rein männliches Phänomen. Die Rolle von Frauen als Täter*innen kommt in Schulbüchern nicht vor.

Rechtsterroristische Anschläge, die Etablierung der AfD, der Umgang mit dem NSU-Komplex sowie die allgegenwärtige Alltagsdiskriminierung verdeutlichen, dass es dringend auch schulische Strategien für eine wirksame Rechtsextremismusprävention braucht. Das muss vor allem heißen:

  • Solidarität mit Betroffenen von Diskriminierung
  • Schüler*innen befähigen, Diskriminierung zu erkennen und zu problematisieren
  • Demokratie als Prozess verstehen, der gelernt und gelebt werden muss
  • auch als Lehrer*in eine Haltung für Menschenrechte und Demokratie entwickeln und verteidigen

Die differenzierte Auseinandersetzung mit der extremen Rechten, ihrer Ideologie und Zusammenhängen mit der Mehrheitsgesellschaft in Schulbüchern sind dabei nur ein kleiner, aber wichtiger Teil.


Kathalena Essers
Sozialwissenschaftlerin und pädagogisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Münster

Foto: sol-b / photocase.de

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