Kinderrechte in der Schule

Kinder an die Macht: So bestimmen Schüler*innen mit

Bei den meisten Entscheidungen sind die Schüler*innen an der Grundschule Fleher Straße in Düsseldorf beteiligt. An der Kinderrechteschule steht Partizipation im Mittelpunkt. Das stärkt die Kinder in vielerlei Hinsicht.

Lisa ist verzweifelt. Jemand hat das Federmäppchen der Achtjährigen gestohlen. Die Drittklässlerin holt sich Hilfe von einem BuddY. An der Katholischen Grundschule (KGS) Fleher Straße in Düsseldorf sind BuddYs Streitschlichter*innen, die auf dem Schulhof an ihren blauen Kapuzenpullis mit dem Emblem des buddY-Programms zu erkennen sind. Sie kommen dazu, wenn Schüler*innen Hilfe brauchen, Streit haben. In diesem Fall ist es die achtjährige Antonia. Sie hilft Lisa beim Suchen, findet eine Zeugin und auch die Täterin. Alle setzen sich zusammen und klären, was passiert ist – ohne die Hilfe von Erwachsenen.

Diese Szene war eine Übung der Kinder in der buddY-AG. Dort sitzen 16 Zweit- bis Viertklässler*innen. Ihr Antrieb: „Ich will mich nicht so viel streiten und auch lernen, wie man anderen helfen kann“, erklärt die achtjährige Victoria. Denn wer weiß, wie man anderen helfen kann, der weiß auch, wie man eigene Streitigkeiten besser löst. Das Handwerkszeug sind Lösungsvorschläge für Konfliktsituationen von der Lehrerin Vanessa Nolte: „Alle Seiten zu Wort kommen lassen, trösten, Hilfe von Lehrkräften holen, die Kinder trennen.“ Die Kinder probieren die Handlungsmöglichkeiten in Rollenspielen aus. Lisa erklärt: „In der weiterführenden Schule gibt es bestimmt noch mehr Streit. Dann weiß ich, was ich da machen kann.“ In der buddY-AG geht es nicht nur um Streitschlichtung, sondern auch um Mitbestimmung.

Die KGS Fleher Straße ist seit 2018 eine Kinderrechteschule und hat das in ihrem Schulprogramm verankert. „Kinderrechtsbildung ist Menschenrechtsbildung. Das Thema ist bisher aber nicht in der Lehrer*innenausbildung oder im Curriculum enthalten“, erklärt Elisabeth Stroetmann, Landeskoordinatorin der Kinderrechteschulen NRW.

Rechte an der Schule erlebbar machen

Im Jahr 2015 wurde dieses Landesprogramm in Kooperation mit dem Ministerium für Schule und Bildung NRW, UNICEF Deutschland und Education Y initiiert. NRW-weit haben bisher 129 Grundschulen daran teilgenommen – unter anderem die KGS Fleher Straße. Ab sofort können auch weiterführende Schulen dabei sein. Elisabeth Stroetmann: „Ziel ist es, Kinder über ihre Rechte zu informieren, die Rechte an den Schulen erlebbar werden zu lassen, Kinder und Jugendliche zur Inanspruchnahme ihrer Rechte zu ermutigen und bei Verletzung der Rechte diese einzufordern.“

Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen umfasst rund 50 Artikel – und wie das bei Gesetzestexten ist, sind diese nicht sehr kinderfreundlich formuliert. Mithilfe des Landesprogramms werden Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter*innen und OGS-Betreuer*innen der teilnehmenden Schulen in Sachen Kinderrechte ausgebildet. Ihnen werden Arbeitsmaterialien angeboten, um die pädagogische Praxis an den Kinderrechten auszurichten, sie haben direkte Ansprechpartner*innen und können sich stetig fortbilden. Für die Fleher Grundschule haben einige Pädagoginnen – unter anderem Vanessa Nolte und die Schulsozialarbeiterin – an der eineinhalbjährigen Ausbildung teilgenommen und alle mit ins Boot geholt: rund 280 Schüler*innen, dazu Lehrkräfte, Betreuer*innen der Offenen Ganztagsschule (OGS) und Eltern.

Von UNICEF kinderfreundlich aufbereitet

Zunächst ging es in einer Projektwoche darum, dass die Schüler*innen zehn elementare Rechte kennenlernen, die von UNICEF kinderfreundlich formuliert und aufbereitet wurden: die Rechte auf Gleichheit, Gesundheit, Bildung, Spiel und Freizeit, freie Meinungsäußerung und Beteiligung, gewaltfreie Erziehung, Schutz im Krieg und auf der Flucht, Schutz vor wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung, elterliche Fürsorge, besondere Fürsorge und Förderung bei Behinderung. Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern. Eine der Fragen, die die Schüler*innen im Zuge der Projektwoche beantworten sollten, lautete: „Wenn du die Welt selbst gestalten könntest, wie würde sie aussehen?“ Vanessa Nolte erinnert sich: „Die Kinder wollen selbst entscheiden, wie lange sie spielen, und finden, dass es erlaubt sein sollte, dass alle mitspielen. Sie sagten, es sei wichtig, dass es ihnen gut geht und sie gesund sind.“ Durch diese Fragen war den Kindern das Thema „Kinderrechte“ schnell verständlich und welche Rolle diese in ihrem Alltag spielen.

Kinderrechte einfach jeden Tag leben

Und das ist der Schlüssel: „Wir pflegen die Kinderrechte und kommen immer wieder darauf zurück“, so Schulleiterin Astrid Zörner. Das können kleine Punkte sein, wie das Laternenbasteln. Gab es früher eine Vorlage, können die Kinder jetzt zwischen drei Möglichkeiten wählen – auch das ist Beteiligung. Wenn die Kinder sich im Sportunterricht Fußball statt Turnen wünschen, kann die Lehrkraft vielleicht tauschen, erst Fußball und ein paar Wochen später Turnen unterrichten.

Partizipation steht jetzt im Vordergrund. Im Klassenrat besprechen die Kinder, ob es Probleme gibt und wie sie zu lösen sind. Die Schulsozialarbeiterin bietet zudem Sozialtrainings an. In der buddY-AG wurden Umfragen zur Schulhofgestaltung entwickelt und ausgewertet, das Schüler*innenparlament tagt regelmäßig, die Schulregeln wurden gemeinsam überarbeitet – inklusive möglicher Konsequenzen bei Nichtbeachtung – und die Schüler*innen lernen im Unterricht, Konflikte gewaltfrei zu lösen. „Wir benennen dabei nicht immer explizit die Kinderrechte, wir leben sie einfach“, erklärt die 51-jährige Schulleiterin. Während vorher die Lehrer*innen Entscheidungen getroffen und umgesetzt haben, werden jetzt ganz selbstverständlich alle einbezogen.

Die Kinder sind stolz auf das, was sie bewirken

Anstrengend, kompliziert, aufwendig? Vielleicht. Aber: „Dass man diskutiert und einander zuhört, ist eine Basis für das menschliche Miteinander. Das sind fundamentale Fähigkeiten, die die Kinder lernen sollen“, meint Astrid Zörner, und Vanessa Nolte ergänzt: „Es ist wichtig, dass Kinder eine Stimme haben und eine Bühne, auf der ihnen zugehört wird. Ihnen ist manchmal gar nicht bewusst, welche Rechte sie haben.“

Das Thema Kinderrechte bereichert den Schulalltag ungemein, darin sind sich Astrid Zörner und Vanessa Nolte einig. Die Kinder fühlen Wertschätzung und Respekt und sind gestärkt und selbstbewusster. Das Vertrauensverhältnis zu den Pädagog*innen hat sich verbessert. Im Umkehrschluss gebe es weniger aggressives Verhalten und mehr Verantwortungsbewusstsein untereinander. Viele Konflikte werden ohne Hilfe von Lehrkräften gelöst, weil die Kinder passende Strategien erlernt haben. Stolz seien die Kinder auch, etwa wenn sie in der Lehrerkonferenz angehört werden oder sehen, was sie selbst bewirkt haben. Als es in diesem Jahr um die Schulhofgestaltung ging, haben die Kinder überlegt, welche Spielelemente nicht fehlen dürfen. Jetzt sind sie stolz auf ihren Kletterturm und gehen entsprechend pfleglicher damit um, als wenn die Entscheidung von oben herab gefallen wäre. Auch als es um die Einrichtung der Klassenräume ging, diskutierten alle gemeinsam: eine Leseecke, schöne Möbel – ein Kind forderte eine Bestrafungsecke. Alle Wünsche werden nicht umgesetzt. Bestrafungsecken gibt es an der KGS Fleher Straße natürlich nicht, aber die Klassenräume sind jetzt wohnlicher als vorher und der gelbe Fußboden strahlt eine positive Atmosphäre aus.

Gestärkt und selbstbewusst im Alltag

Es gehe nicht darum, dass die Kinder Chef*in spielen wollen, erklärt Astrid Zörner. „Sie wollen Aufgaben haben, für die sie wahrgenommen werden.“ So gehen sie mit weniger Hemmung auf die weiterführende Schule und leben dort im besten Fall auch die Partizipation – etwa in der Schüler*innenvertretung.

Nachteile? „Wir haben keine schlechten Erfahrungen gemacht“, so Astrid Zörner, die der Meinung ist, dass alle Schulen die Kinderrechte pflegen sollten. Fakt ist: „Ein Zurück gibt es nicht mehr und das ist auch gut so.“ Kinder, die ihre Rechte kennen, fordern sie ein.


Iris Müller
freie Journalistin

Fotos: A. Schneider

 

KINDERRECHTESCHULE WERDEN: SO GEHT’S

Wer Kinderrechteschule NRW werden möchte, muss sich beim Landesprogramm darum bewerben. Es steht allen Schulformen in zwei Formaten offen. Die Angebote können einzeln gebucht werden:

  • Pädagogischer Tag
  • Trainingsprogramm mit vier Fortbildungstagen

Zur Teilnahme müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein wie ein Beschluss der Schulkonferenz, die Teilnahme an der Ausbildung und an Netzwerktreffen, die Einrichtung einer Steuergruppe sowie die Aufnahme der Kinderrechte ins schulische Leitbild.

Infos gibt es bei Elisabeth Stroetmann, Landeskoordinatorin der Kinderrechteschulen NRW
E-Mail: elisabeth.stroetmann@education-y.de
Telefon: 0221 30 32 91 – 26

 

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