Studium: Ein Numerus clausus namens Herkunft

Unterstützung für angehende Studierende

Kinder aus Nichtakademiker*innen-Familien schaffen es noch immer zu selten an Hochschulen. Damit sich daran etwas ändert, unterstützen Projekte wie ArbeiterKind.de angehende Studierende und bauen Hürden auf dem Weg an die Uni ab.

Seit Benjamin Slowig in Vollzeit im Wissenschaftsmanagement verschiedener Hochschulen im Ruhrgebiet arbeitet, weiß er, was ein übliches Pensum ist. Das war im Studium anders: Als er Geschichte und Anglistik an der Ruhr-Universität Bochum studierte, jobbte er nebenbei nachts und an den Wochenenden als Kellner, später arbeitete er neben einem vollen Stundenplan noch knapp 20 Stunden pro Woche an der Uni. Um Geld zu sparen, wohnte er anfangs zu Hause in Iserlohn und pendelte. Das bedeutete, täglich noch einmal bis zu vier Stunden im Zug zu sitzen. „Das hat mich echt geschlaucht“, sagt der heute 34-Jährige.

Studieren geht nur mit finanziellen Sorgen

Finanzielle Sorgen waren jahrelang der rote Faden seines Bildungswegs. Das ging los mit dem beklemmenden Gefühl, dass seine Eltern ihr Konto überzogen, damit er den Schulausflug zum Skifahren nach Österreich mitmachen konnte. In der fünfköpfigen Familie war Geld immer knapp. Die Eltern hatten die damalige Volksschule besucht, seine Mutter holte noch den Realschulabschluss nach. Sein Vater arbeitete als Heizungs- und Lüftungsinstallateur, seine Mutter als Erzieherin. Die Bildung ihrer Kinder war ihnen wichtig, „aber ihre Möglichkeiten, uns zu unterstützen, waren begrenzt“, sagt Benjamin Slowig. Vom Abitur am Gymnasium Letmathe in Iserlohn über den Bachelor bis zum Master of Arts in Geschichte musste er sich – mit Ausnahme vieler guter Tipps aus seinem Fachschaftsrat – allein durchschlagen.

Auf diesen steinigen Weg wagen sich nach wie vor nicht viele junge Menschen: Während 79 von 100 Kindern aus Akademiker*innen-Familien ein Studium beginnen, sind es in Nichtakademiker*innen-Haushalten nur 27 von 100, wie eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung 2018 ergab. Laut der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks stammte im Sommersemester 2016 etwas mehr als die Hälfte aller Studierenden aus einem Haushalt, in dem mindestens ein Elternteil studiert hat. „Selbst bei einer Schulabschlussnote von 1,0 liegt die Studierwahrscheinlichkeit für einen Studienberechtigten ohne akademischen familiären Hintergrund mit 80 Prozent um 9 Prozentpunkte unterhalb der für Studienberechtigte aus einem Akademikerhaushalt“, schreibt Christoph Heine in einer Expertise für die Hans-Böckler-Stiftung. Geld sei der häufigste Grund für den Verzicht.

Das kann Benjamin Slowig, der inklusive BAföG mit 500 Euro im Monat auskommen und davon auch sein WG-Zimmer zahlen musste, bestätigen: „Wenn ich Zweifel oder Ängste hatte und mich gefragt habe, wie ich das alles schaffen soll, dann immer mit dem Blick auf die Finanzierung.“ Noch jetzt ärgert er sich, dass ihn damals niemand auf Stipendien hinwies. Um heutige Studierende stärker über solche Möglichkeiten zu informieren, engagiert er sich seit 2014 ehrenamtlich bei ArbeiterKind.de.

Fehlende Vorbilder

Die 2008 gegründete Initiative ermutigt Schüler*innen, als Erste ihrer Familie zu studieren. Rund 6.000 Ehrenamtliche in 80 lokalen Gruppen, viele davon selbst aus Nichtakademiker*innen-Familien, unterstützen junge Menschen von der Studienaufnahme über den Abschluss bis zum Berufseinstieg. Es gibt offene Treffen, Sprechstunden, Infotelefone, Mentoringangebote, Infoveranstaltungen in Schulen, Hochschulen und auf Messen sowie ein eigenes soziales Netzwerk. Laut Jahresbericht 2018 erreicht ArbeiterKind.de rund 30.000 Interessierte und Studierende der ersten Generation – das sind zehn Prozent der Zielgruppe.

Gründerin Katja Urbatsch, selbst erste Uniabsolventin ihrer Familie, sagt, auch fehlende Vorbilder in der Familie hielten junge Menschen vom Studium ab. Hinzu komme: „Eltern ohne Hochschulerfahrung bevorzugen meist eine schnelle finanzielle Unabhängigkeit. Ein Studium wird als zu langwierig und teuer eingeschätzt.“ Tatsächlich sind allein die zweimal im Jahr fälligen Semesterbeiträge in den vergangenen Jahren stark gestiegen: „Das sind 200 bis 400 Euro, die auf einen Schlag gezahlt werden müssen.“ Zwar gebe es Stipendienprogramme, doch die erreichten Studierende aus nicht akademischem Elternhaus bisher nicht ausreichend. „Damit ist zudem keine Unterstützung in der Breite möglich.“

Wer doch den Schritt an eine Hochschule wage, finde sich langsamer zurecht, erklärt die Expertin. „Das System Hochschule ist komplex, der akademische Habitus, die Art des Auftretens und Sprachgebrauchs sind fremd.“ Das könne zu Verunsicherung oder sogar zum Studienabbruch führen. Katja Urbatsch fordert mit Blick auf die Entkopplung von Herkunft und Bildungserfolg auch einen kritischeren Diskurs: „Einzelne Schulen zeigen bereits, wie es gehen kann. Das könnte man in die Fläche bringen. Aber scheinbar gibt es da auch einen gesellschaftlichen Widerstand.“

GEW NRW fordert BAföG-Reform

Neben ArbeiterKind.de gibt es auch den Verein Erste Generation Promotion (EGP) der Universität Köln, der Masterstudierende und Doktorand*innen berät und vernetzt. Alle dort Aktiven haben selbst in der ersten Generation studiert und wollen den Weg für eine Promotion ebnen. Und wer gewerkschaftlich, gesellschaftspolitisch und sozial engagiert ist und sehr gute bis gute Leistungen zeigt, kann sich bei der Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung für ein Stipendium bewerben.

Auch nach Einschätzung der GEW NRW ist die Finanzierungsfrage entscheidend. Jugendbildungsreferentin Julia Löhr sagt: „Viele haben Angst vor der Verschuldung nach dem Studium, die muss man ihnen nehmen.“ Die GEW NRW fordert, das BAföG als Vollzuschuss zu zahlen und die Bezugsgrenze zu senken, sodass mehr Menschen Anspruch auf Förderung haben. Zudem seien kürzere Antragsphasen nötig, damit es nicht monatelang dauere, bis das Geld fließt.

Julia Löhr plädiert auch dafür, Studiengänge flexibler zu gestalten, also von strikten Regelstudienzeiten abzurücken und das Studieren in Teilzeit zu ermöglichen. „Die klassischen Vollzeitstudierenden, die ohne Job und finanziert von ihren Eltern studieren, gibt es kaum noch.“ Wichtig sei es darüber hinaus, dass Förderprogramme für Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern bereits in der Schule ansetzten.


Nadine Emmerich
freie Journalistin

 

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