Starke Kinder, starke Zukunft

Kindheitsforschung und Bildungspolitik

Kinder sind die Zukunft – für uns und unsere Demokratie. Das klingt nach viel Verantwortung und großen Erwartungen. Kindheitsforscher Prof. Dr. Heinz Sünker erklärt, wie wir Kinder dafür stärken können.

Ja, es stimmt: Kinder verkörpern die Zukunft von Gesellschaft, zumindest im Zusammenspiel mit allen anderen Generationen. Ja, viele in unserer Gesellschaft meinen mitreden zu können, wenn es um Kinder geht sowie um Institutionen, in denen Kinder aufwachsen. Waren doch alle – auch wenn sie sich häufig nicht mehr so gut daran erinnern können – Kinder und besuchten den Kindergarten und die Schule.

Politik, Wirtschaft, Eltern: Erwartungen von allen Seiten

Vor allem aber haben viele in diesem Zusammenhang Interessen: Politik, Wirtschaft und Eltern, die auf die Produktion von „nützlichen Bürger*innen“, die Herstellung von „zuverlässiger und benötigter Arbeitskraft“ oder die „sichere Rente“ ausgerichtet sind. Immanuel Kant hat in seiner Vorlesung Über Pädagogik 1803 das Problematische daran bereits im Prinzip erkannt: „1) Die Eltern nämlich sorgen gemeiniglich nur dafür, dass ihre Kinder gut in der Welt fortkommen, und 2) die Fürsten betrachten ihre Untertanen nur wie Instrumente zu ihren Absichten.“ Auf dem Wege der Vervollkommnung der Menschheit sind solche Einstellungen und Absichten nicht zu unterschätzende Hindernisse, wie Immanuel Kant feststellte.

Die Wissenschaft in der Gestalt von Kindheitsforschung hat es mit ihren Bemühungen um Aufklärung daher in vielfältiger Weise mit Alltagsbewusstsein und Interessen zu tun, die jeweils zu untersuchen eine gesellschaftlich bedeutsame Aufgabe ist. In den Vermittlungen von Kindheits- und Bildungsforschung, Kinder- und Bildungspolitik findet diese Aufgabe ihre besondere Herausforderung. Diesen Forschungen und Politiken geht es um die demokratische Zukunft unserer Gesellschaft – auch um des Überlebens unseres Planeten willen –, die wiederum auf der Reflexivität, der gesellschaftlichen Urteilskraft und der politischen Handlungskompetenz aller ihrer Bürger*innen beruht.

Kindheit ist mehr als der Weg zum Erwachsensein

Seit etwa 30 Jahren entwickelt sich die sozialwissenschaftlich akzentuierte „neue Kindheitsforschung“, der es erstens um die Einsicht in die gesellschaftliche Formung von Kindheit im Rahmen einer generationalen Ordnung der Gesellschaft, zweitens um die Modellierung des Kindes zum relativ autonomen, kompetenten Akteur und drittens um die Ablösung naturalistischer Vorstellungen und Bilder vom Kind geht. Dies ist entscheidend mit der Betonung vom Eigenwert der Lebensphase Kindheit verknüpft und richtet sich gegen deren Degradierung zur reinen Übergangsphase auf dem Weg zum Erwachsenenalter. Kurz: von der Betonung des Werdens zur Aktualität der konkreten Existenz.

So ist ein neuer Blick auf Kindheit und Kinder, auf deren Leben und Erleben entstanden, der Kinder als Generation eher einheitlich, aber in ihren Lebensbedingungen – etwa in Klasse, Gender oder Ethnizität – differenziert sieht. Parallel dazu haben sich die Kinderpolitik sowie der Kinderrechtsdiskurs entwickelt: Zusammen mit dem neuen Blick aufs Kind bilden sie die Basis für zivilisatorische Entwicklungen, die angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts und der schwerwiegenden Probleme für das 21. Jahrhundert notwendig ist.

Kinder brauchen eigene Rechte

Aus meiner Sicht ist hier besonders bedeutsam, dass die UN-Konvention für die Rechte des Kindes Kinderpolitik, Kinderrechte, Bildungspolitik und Bildungsrechte miteinander verknüpft. In Artikel 3 betont die Konvention konsequenterweise das Kindeswohl als wichtigste Bezugsgröße für das Handeln mit Kindern und die Bildung von Institutionen. Dies ist in Artikel 6 unmittelbar mit jener Bestimmung vermittelt, dass das „Überleben und die Entwicklung des Kindes“, so wird eindringlich formuliert, „in größtmöglichem Umfang“ gesellschaftlich und politisch zu gewährleisten seien. Bildet also das Wohlergehen aller Kinder weltweit die Basis einer Debatte um Entwicklungsmöglichkeiten und ein gutes Leben, befassen sich weitere Bestimmungen mit Schutzrechten, Infrastrukturentwicklungen und Partizipation.

Eindrucksvoll ist die Konvention, wenn es um die Beziehungen dieser Dimensionen zueinander geht. Herausfordernd ist sie, indem sie anschlussfähig ist für wesentliche Fragen von Kindheitstheorie, die die „Kindliche Subjektivität“ ins Zentrum rückt, und von Kinderpolitik, die auf Partizipation statt Stellvertretung setzt.

Gleichheit von Kindern beginnt bei ihrer Bildung

Um dies zu unterstützen, bedarf es einer demokratiefördernden Bildungspolitik und Bildungspraxis, die dem der Mehrgliedrigkeit und Begabungsideologie entspringenden bundesdeutschen System von Bildungsapartheid, das im Übrigen das Kindeswohlprinzip verletzt, diametral entgegengesetzt sind. Eine Bildung aller im Interesse aller verlangt nach einer demokratischen politischen Kultur, die auf der Beteiligung aller ruht. Gegen die Spaltung unserer Gesellschaft, die der sozialen Ungleichheit folgt, wird nur eine Überwindung klassenbasierter Interessen und Strategien helfen, die mit kinderpolitischen und kinderrechtlichen Positionen wie Praxen beginnt. Die Gleichheit aller Kinder geht also Hand in Hand mit der Verwirklichung ihrer Bildung.


Prof. Dr. Heinz Sünker
Direktor des Interdisziplinären Forschungszentrums Kindheiten.Gesellschaften der Bergischen Universität Wuppertal

Foto: RooM The Agency / stock.adobe.com

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