Sexueller Missbrauch: „Dein Körper gehört dir!“

Hilfe für Kinder

In Deutschland werden jedes Jahr Tausende Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch. Die Dunkelziffer ist hoch, da viele Fälle nicht zur Anzeige kommen. Dann sind Erzieher*innen und Lehrer*innen besonders gefragt, um den Kindern zu helfen. Was sie tun können, erklärt Céline Sturm, Referentin für Kriminalprävention bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring e. V.

Wie groß ist die Zahl an Fällen sexuellen Missbrauchs pro Jahr in Deutschland?

Céline Sturm: Die Kriminalstatistik der Polizei gibt für das Jahr 2018 insgesamt 12.321 angezeigte Fälle von Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in Deutschland an. Die Dunkelziffer ist aber viel höher. Viele Verbrechen werden nicht angezeigt, weil sie im familiären Umfeld und Nahbereich des Kindes geschehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von zwei betroffenen Kindern pro Klasse in Deutschland aus.

Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass ein Kind sexuell missbraucht wird?

Céline Sturm: Es ist oft nicht eindeutig zu erkennen, wann jemand Opfer von sexuellem Missbrauch wird. Die Anzeichen können unterschiedlich sein. Sie sind abhängig von der Intensität und der Dauer des Missbrauchs, aber auch vom Grad der Abhängigkeit.

Körperliche Folgen, die von anderen Erwachsenen entdeckt werden können, treten eher selten auf. Häufiger zeigen sich bei Missbrauchsopfern Verhaltensauffälligkeiten wie Leistungsabfall in der Schule, Aggressivität, Ängstlichkeit, Konzentrationsschwäche oder sexualisiertes Verhalten.

Auch psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen oder Schlafstörungen können auftreten. Wobei diese Symptome natürlich nicht spezifisch für einen Missbrauch sind. Und doch zeigen sie, dass mit dem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Ursache können beispielsweise auch die Scheidung der Eltern oder Schulstress sein. In jedem Fall sollten Erwachsene aufmerksam werden und Verhaltensauffälligkeiten ernst nehmen. Diese Anzeichen sind auch für Lehrer*innen ein Signal, dass ein Kind besondere Unterstützung benötigt.

Was kann eine Lehrkraft tun, wenn sie einen Verdacht auf sexuellen Missbrauch hat?

Céline Sturm: Wenn eine Lehrkraft Verhaltensauffälligkeiten oder andere Symptome feststellt, sollte sie der Sache auf jeden Fall auf den Grund gehen. Generell ist es wichtig, mit dem Thema offen umzugehen.

Erstmal sollte die Lehrkraft sich selbst ein paar Fragen stellen, um Klarheit zu gewinnen: Wann und weshalb bin ich darauf aufmerksam geworden? Mit wem kann ich darüber sprechen? Wie gehe ich mit meinen eigenen Gefühlen und Sorgen um das Kind um? Wie gehe ich mit dem Kind und seinen Angehörigen um? Wann darf oder muss ich eine andere Institution einbeziehen? Auch der Austausch mit der Schulleitung oder anderen Kolleg*innen, die das Kind unterrichten, ist wichtig.

Man muss auch klar unterscheiden, was Fakten und was Annahmen sind. Auf jeden Fall sollte die Lehrkraft die Schilderung des Kindes ernst nehmen. Wichtig ist, das Kind nicht zu verängstigen. Dem Kind sollte vermittelt werden, dass es keine Schuld hat. Sie liegt allein bei den Täter*innen. Man sollte das Kind nur so viel erzählen lassen, wie es erzählen möchte. Misshandelte Kinder stehen oft unter großem Druck, haben Angst, dass Konsequenzen drohen. Allgemein sollten Lehrer*innen den Kindern Botschaften vermitteln, die sie stärken. Sie ermutigen, Nein zu sagen. Dein Körper gehört dir, trau deinem Gefühl und du darfst dir Hilfe holen! Dadurch wird auch das Vertrauen in die Lehrkraft gestärkt, um sie bei Bedarf um Hilfe zu bitten. 

Wenn Pädagog*innen befürchten müssen, dass ein Missbrauch innerhalb der Familie geschieht, ist die Situation besonders schwierig. Ab welchem Punkt dürfen oder müssen sie sich in die Eltern-Kind-Beziehung einmischen?

Céline Sturm: Auch hier ist ein offener Umgang wichtig. Wenn Lehrer*innen einen begründeten Verdacht haben, dass ein Kindesmissbrauch vorliegt, müssen sie diesen auch äußern. Sie sollten sich dazu aber professionelle Hilfe holen und sich von Fachleuten beraten lassen. Polizeidienststellen nennen Kontaktdaten von Beratungsstellen vor Ort.

Natürlich ist jede Situation anders. Wichtig bei der Herangehensweise ist, sich auf die Seite des Kindes zu stellen. Wenn die Täter*innen aus der Familie kommen, wissen trotzdem oft nur sie und das Opfer selbst Bescheid, weil die Tat vor dem Rest der Familie geheim gehalten wird.

Wer begleitet das Kind bei der Aufarbeitung seiner Erlebnisse?

Céline Sturm: Das Wichtigste für das Kind ist, einen Menschen zu haben, dem es sich anvertrauen kann. Das ist oft die erste Person, der das Kind sich mitgeteilt hat, also unter Umständen auch eine Lehrkraft. Pädagog*innen können sich als Ansprechpartner*innen anbieten, letztendlich entscheidet aber das Kind, wem es sich anvertrauen will.

Wenn Missbrauch in der Familie stattgefunden hat, werden die Polizei und das Jugendamt mit einbezogen. Über diese Behörden gibt es auch psychologische Unterstützung. Es ist wichtig, dass das Kind professionell betreut wird.

An wen können Pädagog*innen betroffene Kinder sonst noch vermitteln?

Céline Sturm: Neben der Polizei und dem Jugendamt kann auch der Weiße Ring e. V. unterstützend tätig werden oder weitere Adressen nennen. Zudem gibt es Hilfe bei dem Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamts, bei Erziehungsberatungsstellen, kirchlichen Beratungsstellen, psychologischen Beratungsstellen und in Kinderkliniken. Die Kinder selbst können sich auch an das Kinder- und Jugendtelefon wenden, an die Telefonseelsorge oder an den Verein Nummer gegen Kummer e. V.

Wie können Pädagog*innen in Kita, Schule, Jugendarbeit und Vereinen Kinder und Jugendliche stärken und schützen?

Céline Sturm: Um Kinder zu stärken ist es wichtig, ihnen vier Werte zu vermitteln: Dein Körper gehört dir – Trau deinem Gefühl – Du darfst Nein sagen – Du darfst dir Hilfe holen. Dabei sollten auch Pädagog*innen die Kinder unterstützen.

Bei Elternabenden erklären wir vom Weißen Ring auch den Eltern, wie sie ihr Kind stärken können. Sie schützen es durch Wissen, indem sie vermitteln: Es gibt nicht nur böse Fremde. Sie schützen es durch Offenheit, indem sie deutlich machen: Es gibt kein Tabuthema. Sie schützen es durch ihre Aufmerksamkeit, indem sie Signale erkennen. Sie schützen ihr Kind durch Vertrauen, indem sie ihm glauben. Und sie schützen es durch Handeln, indem sie Hilfe suchen und Anzeige erstatten.

Die Angebote des Weißen Rings richten sich an jede Person, die mit Kindern arbeitet. Gemeinsam mit „White IT“, dem Bündnis gegen Kindesmissbrauch, hat der Weiße Ring die Pixibücher Ben sagt Nein und Lena sagt Nein zum Thema herausgegeben.

Sie haben eine Broschüre zu diesem Thema veröffentlicht, die sich unter anderem an Pädagog*innen richtet. Was beinhaltet sie?

Céline Sturm: Die Broschüre Missbrauch verhindern haben wir zusammen mit der Polizei herausgebracht. Sie verdeutlicht, dass Missbrauch viele Gesichter hat, weist auf Strategien von Täter*innen hin und erklärt, dass man Missbrauch häufig nicht sieht. Im Mittelpunkt stehen Hinweise, um richtig zu handeln und Kinder zu schützen.

Natürlich gibt es auch Informationen über Beratungsstellen. Die Broschüre kann beim Weißen Ring oder vor Ort bei den Polizeidienststellen angefordert werden. Bei den Anlaufstellen des Weißen Rings erhalten Lehrer*innen auch Informationen zu anderen Präventionsthemen, zu Cybermobbing oder zum Thema Zivilcourage.


Die Fragen stellte Simone Theyßen-Speich.

Foto: privat

 

Weisser Ring e. V.

Der Weiße Ring ist eine in mehreren Ländern Europas tätige, jeweils eigenständige Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Familien. Der Verein hat etwa 50.000 Mitglieder und 3.000 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen, die eine Qualifikation als Opferhelfer*innen haben. Er wurde 1976 von Eduard Zimmermann, dem damaligen Moderator der Fernsehsendung Aktenzeichen XY ungelöst, gegründet und hat seinen Hauptstandort in Mainz. Bundesweit gibt es 400 Anlaufstellen.

Anlaufstelle vor Ort finden
weisser-ring.de/weisser-ring/standorte

 

Rechtliche Grundlagen

In Deutschland besteht rechtlich zwar keine generelle Anzeigenpflicht bei sexuellem Missbrauch, aber für Erzieher*innen und sozialpädagogische Fachkräfte, die als Mitarbeiter*innen eines Trägers der öffentlichen oder freien Jugendhilfe tätig sind, sind entsprechende Regelungen im Sozialgesetzbuch zu beachten. Es könnte eine Pflicht bestehen, die Kindeswohlgefährdung zu verhindern. Verhindern muss nicht immer heißen, dass man die Strafverfolgungsbehörden einschaltet. Es soll Opfern möglich sein, sich jemandem anzuvertrauen, ohne dass zwangsläufig Anzeige erstattet wird und ein Strafverfahren anrollt, das Kinder und Jugendliche sehr belasten kann.

Mehr Infos und Hilfen für Betroffene, Angehörige und Fachkräfte
beauftragter-missbrauch.de

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