Gehört Informatik auf jeden Stundenplan?

Eine Pro- und Kontra-Diskussion

Die Diskussion um das Pflichtfach Informatik reißt nicht ab. Welchen Stellenwert braucht dieses Fach und wie bereitet man Schüler*innen optimal auf die digitale Welt vor? Auch in der GEW NRW gibt es unterschiedliche Stimmen zum Thema.

Pro



Prof. Dr. Ludger Humbert von der Uni Wuppertal findet, dass Informatik das Leitfach der Digitalisierung ist und damit sogar ein Hauptfach werden muss.

Informatik ist eine etablierte Wissenschaft, die sich mit der automatischen Verarbeitung von Daten auseinandersetzt. Diese Wissenschaft konnte 2019 gleich mehrfach gefeiert werden: 50 Jahre Mondlandung – ohne Informatik unmöglich, 50 Jahre Schulfach Informatik in Nordrhein-Westfalen und 50 Jahre Gesellschaft für Informatik. Es ist Zeit für den nächsten Schritt.

Zwischen der Forderung nach einem verpflichtenden Schulfach und der Verankerung im Bildungskanon vergehen 50 Jahre, wie das Beispiel des Physikunterrichts zeigt. Die neuen Stundentafeln in NRW enthalten das Pflichtfach Informatik für alle weiterführenden Schulen in den Jahrgangsstufen 5 und 6 ab dem Schuljahr 2021/2022. Damit sehen 7 von 16 Bundesländern das Pflichtfach Informatik vor: Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, NRW und Rheinland-Pfalz.

Will man Digitalisierung verstehen, nutzen und gestalten, benötigt man in einer aufgeklärten Gesellschaft informatische Bildung. Damit Mündigkeit als Zielperspektive der Bildung eingelöst wird, kommen wir nicht um die Verankerung informatischer Grundlagen in der allgemeinen Bildung herum. Um dem Gendergap in Informatik zu begegnen, müssen alle Schüler*innen frühzeitig die Chance bekommen, ein positives Informatikselbstkonzept zu entwickeln. Elemente der Informatik ohne Einsatz von Informatiksystemen sind bereits in der Grundschule durch qualifizierte Lehrkräfte im Unterricht umsetzbar. Nur wenn ich die informatische Modellierung verstehe, kann ich die hinter den Oberflächen stehenden Ideen einordnen, beurteilen und gestalten.

Alle Schulfächer müssen Begriffe und Konzepte der Informatik für ihren Bezug ausschärfen. Damit kann ein allgemeiner Bildungskontext für alle Schüler*innen garantiert werden. Das Pflichtfach Informatik entlastet alle Fächer vom Aufbau der unabdingbaren, fachlichen Informatikgrundlagen für die reflektierte Anwendung, Nutzung und Gestaltung. Deswegen brauchen wir Informatik als Hauptfach.

 

 

Kontra



Stephan Osterhage-Klingler ist Experte der GEW NRW für Digitalisierung und fragt sich, ob das Pflichtfach Informatik ab Klasse 5 wirklich nötig ist.

Ist ein Pflichtfach Informatik in Zeiten von immer stärker werdendem Populismus und Fake News wirklich das, was wir in den Schulen brauchen? Ist nicht eher ein verstärktes Hinterfragen und kritisches Überprüfen von – gerade aus sozialen Netzwerken entnommenen – Informationen wichtig?

Von daher besteht die Anforderung im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung vielmehr in einer Querschnittsaufgabe in allen Unterrichtsbereichen. So sollten zum Beispiel Internetrecherchen, Präsentationen und das Erstellen von Dokumenten Teil eines fächerübergreifenden Curriculums sein und Eingang in alle Bereiche der schulischen Bildung finden. So kann der fortschreitenden Digitalisierung und ihrem Nutzen, aber auch ihren Gefahren viel besser Rechnung getragen werden. Und auch die Schüler*innen können viel besser hierauf vorbereitet werden – ohne einen künstlichen Kontext, sondern vielmehr begleitend und intrinsisch motiviert in allen Fächern.

Bedarf es hierfür wirklich grundlegender Informatikkenntnisse wie dem Verstehen oder Erstellen von Algorithmen? Auch wenn diese Fähigkeiten unbestritten im heutigen Berufsleben gefordert sind und damit auch in der Schule vermittelt werden müssen, ist das zunächst nicht das Wichtigste. Um neue Medien sinnvoll nutzen, eine kritische Grundhaltung gegenüber Informationen einnehmen oder Gefahren im Internet erkennen zu können, bedarf es Lehrer*innen, die ausreichend Zeit und genügend Know-how haben, das im Unterricht in verschiedensten Kontexten und Fächern mit den Schüler*innen zu thematisieren und zu üben. So betonen auch das Forschungsdesign und die Ergebnisse der International Computer and Information Literacy Study von 2018 eher einen fächerübergreifenden Ansatz im Bereich Informatik.

Nicht zuletzt muss bei der Einführung eines neuen Fachs auch berücksichtigt werden, dass aktuell bei Weitem nicht ausreichend Informatiklehrkräfte zur Verfügung stehen, um das Fach ab Klasse 5 in allen Schulen abzudecken.
 

Foto: iStock.com / skynesher

2 Kommentare
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Kommentare (2)

  • Volker Maibaum Statt die Stundentafel mit immer neuen Fächern aufzumotzen, sollten die Fächer zu Kernbereichen zusammengefasst oder sogar aufgelöst werden. Arbeiten an thematischen Schwerpunkten und in Projektphasen sollte die Zukunft sein. Wenn wir dann no h die Noten und Versetzung abschaffen sowie jahrgangsuebergreifend arbeiten, könnte dies die Schule der Zukunft sein.
    • Irene Pasternak Visionen einer anderen Schule sind wunderbar und notwendig, aber man sollte dabei realistisch bleiben. Ich sehe nirgendwo nicht einmal im Ansatz einen politischen Willen, Fächer in der Schule zusammenzufassen oder sogar ganz aufzulösen zugunsten eines projektorientierten Arbeitens.
      Wollte man das Schulsystem in diesem Sinne umbauen, müsste man z.B. auch die Lehrerausbildung komplett verändern, die sich ja an Fächerstrukturen orientiert.
      Meines Erachtens ist das eine weitreichendere Umstrukturierung unseres Schulsystems als die flächendeckende Einführung der Gesamtschule - die wir auch nach 50 Jahren immer noch nicht erreicht haben.
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