Familienhilfe: An der Seite der Eltern

Den Kinderschutz immer im Blick

Wurde das Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdung informiert, dann ist der Weg in Münster nicht mehr weit zu ihr: Diplom-Pädagogin Anna Nienerowski unterstützt Eltern und Familien bei Problemen.

„Am liebsten würden wir am Wochenende keine Eltern kontrollieren. Leider kann so ein Schritt notwendig sein, um sicherzustellen, dass die Familie gut durch die freien Tage kommt“, sagt Anna Nienerowski, die seit 2012 beim Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen NRW e. V. (VSE) im Münsteraner Stadtteil Berg Fidel arbeitet. Ihre Arbeit beginnt oft bei den essenziellen Dingen: „Ich hatte häufiger schon Familien, denen ich dann sagen musste: ‚Da bin ich wieder. Ich muss mal in den Kühlschrank schauen. Das finden wir alle nicht schön. Aber das ist jetzt mein Job. Wie bekommen wir das gemeinsam hin?‘“, erläutert die Fachfrau.

Erziehungsberechtigte von Anfang an einbeziehen

Die 36-Jährige ist Diplom-Pädagogin und besitzt die Zusatzqualifikation Systemische Beraterin und Therapeutin. Ihre Arbeit im Süden der Stadt Münster befasst sich zu einem Großteil mit dem Problemfeld Kindeswohlgefährdung, geregelt durch § 8a des Achten Buchs des Sozialgesetzbuchs (SGB VIII). Im Rahmen von ambulanten Hilfen zur Erziehung (§ 27ff, SGB VIII) unterstützen und beraten sie und ihre Kolleg*innen Familien in mitunter prekären Lebenslagen. Das Thema Kindeswohlgefährdung hat nach der Erfahrung von Anna Nienerowski viele Facetten. Es gebe beispielsweise Vorfälle von Verwahrlosung, etwa wenn bei Babys oder Kleinkindern die Windeln nicht gewechselt werden, und reiche bis zu Gewalt und Missbrauch. Nicht selten komme es vor, so Anna Nienerowski, dass vielfältige Belastungen und Schieflagen zu einer gefährdenden Situation für die Kinder führten. In sogenannten Multiproblemfamilien ließe sich oft eine Vielzahl an Risikofaktoren ausmachen, die beispielsweise von einer hohen Verschuldung, über psychische Erkrankungen der Erziehungspersonen, massive Paarkonflikte oder geringe Ressourcen im sozialen Umfeld reichen könnten.

Alarmiert wird Anna Nienerowski vom Jugendamt, das beispielsweise von einer Einrichtung – etwa der Kita, die das Kind besucht, oder auch dem Umfeld der Familie – über verdächtige Vorkommnisse informiert wird, die eine Gefährdung für ein Kind darstellen können. Das Ziel von Jugendamt und Jugendhilfe ist, die Situation entsprechend einzuschätzen und anschließend die Erziehungsberechtigten einzubeziehen. „Glücklicherweise gelingt der Austausch mit dem Jugendamt sehr gut und wir arbeiten kollegial zusammen. Gerade bei 8a-Fällen sind der Schulterschluss und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit besonders wichtig“, sagt Anna Nienerowski.

Dabei liege der Fokus ihrer Arbeit immer darauf, die Familien zu stärken und gemeinsam Lösungen und Strategien zu entwickeln, die das Kindeswohl absichern und ein Zusammenleben ermöglichen. Ein Sorgerechtsentzug, der von einem Gericht entschieden werden muss, sei lediglich die Ultima Ratio. Keine Partei, die sich um das Wohl des Kindes sorgt, wolle zu so drastischen Mitteln greifen, wenn es sich vermeiden lasse, so die Fachfrau. Denn am Ende bedeute dies einen harten Einschnitt in das Leben des Kindes und seiner Eltern. Wenn es einen Hinweis auf Kindeswohlgefährdung gebe, gelte es immer, die Vorkommnisse gut zu prüfen, eine gemeinsame Einschätzung vorzunehmen und die Bordmittel einer ambulanten Hilfe und gegebenenfalls zusätzlichen stabilisierenden Angeboten auszuschöpfen.

Transparenz hat einen hohen Stellenwert

Anna Nienerowski macht während ihrer Arbeit beim VSE die Erfahrung, dass der Kontakt zum Jugendamt für Eltern häufig angstbesetzt ist. In ihrer Vorstellung sehen sie dann meist das Szenario, dass ihnen das Sorgerecht für die Kinder entzogen wird. Daher habe Transparenz in ihrer Arbeit einen hohen Stellenwert, so Anna Nienerowski. Es gehe darum, gemeinsam die „Kuh vom Eis zu kriegen“.

Wenn sich ein Fall im kindeswohlgefährdenden Bereich befindet, werden die Erziehungsberechtigten immer in diese Einschätzung einbezogen und es gibt Auflagen seitens des Jugendamtes beziehungsweise des Trägers, die zum Schutz des Kindes umgesetzt werden müssen. In diesem Prozess stellt sich Anna Nienerowski an die Seite der Eltern und bietet Unterstützung an. „Was müssen Sie tun, um mich wieder loszuwerden?“ Neben der Beratung, Unterstützung und Begleitung kann die Zusammenarbeit dann auch eine Kontrolle der umzusetzenden Auflagen beinhalten. Mit den Eltern bespricht Anna Nienerowski deshalb klar, welche Rolle sie als Fachkraft hat und wo aus Sicht der Jugendhilfe Handlungsbedarf besteht.

Gemeinsam Lösungen für die Probleme entwickeln

Nicht immer sind Familien, die Hilfen beim Jugendamt beantragen, so stark belastet, dass eine Gefährdung für das Kindeswohl besteht. Im Rahmen einer Hilfeplanung entwickeln die Eltern mit Unterstützung der Pädagog*innen Ziele für die Zusammenarbeit und formulieren Veränderungswünsche. Dabei können Fragen wie „Wenn wir in einem halben Jahr wieder zusammensitzen – was ist dann anders?“ oder „Was könnten erste Schritte zu unserem Ziel sein?“ helfen, die eigenen Ziele genauer zu benennen. Anna Nienerowski begleitet die Familien über einen längeren Zeitraum, berät und unterstützt beim Erreichen der Ziele. Typische Themen in den Hilfen sind Erziehungsfragen, Trennungssituationen, finanzielle Notlagen sowie Schwierigkeiten im häuslichen oder schulischen Umfeld.

Gefragt nach den typischen Reaktionen und Verhaltensweisen von belasteten Kindern, gibt Anna Nienerowski an, jedes Kind reagiere sehr unterschiedlich und individuell. „Manche Kinder sind sehr resilient und haben eine gewisse Widerstandskraft entwickelt, die ihnen einen Umgang mit den Belastungen ermöglichten“, erklärt sie. „Andere Kinder sind auffällig unauffällig. Wieder andere reagieren vielleicht mit starken Emotionen und Verhaltensauffälligkeiten.“

Um Situationen und ernst zu nehmende Vorkommnisse angemessen einschätzen zu können, sei es wichtig, dass zuständige Institutionen, Fachberatungen und Teams wie das von Anna Nienerowski miteinander kommunizieren und sich mit der Familie über ihre Beobachtungen austauschen.

Nicht immer ist es Kindeswohlgefährdung

Während ihrer Besuche in den Familien wird Anna Nienerowski hellhörig, „wenn Kinder nach kurzer Zeit sehr anhänglich und distanzlos erscheinen, oder wenn sie sich – obwohl sie bereits trocken waren – einnässen oder andere Auffälligkeiten zeigen“. Es gehört dann für die Pädagogin dazu, ihre Beobachtungen mit den Eltern zu besprechen, um herauszufinden, was los ist. So ein Verhalten deute nicht zwangsläufig darauf hin, dass das Kindeswohl gefährdet sei. Manchmal reagierten Kinder auch auf ein neues Geschwisterchen mit solchen Verhaltensweisen oder es gab andere Ereignisse, die sich auf die Lebenswelt des Kindes auswirken, weiß die Pädagogin.

Insbesondere bei einem 8a-Familienbesuch – also dem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung – sei es laut Anna Nienerowski sinnvoll, eine Familie zu zweit aufzusuchen. „Wir arbeiten häufig nach dem Vier-Augen-Prinzip. Zum einen ist das eine Absicherung für uns selbst. Zum anderen hilft es manchmal, die eher kontrollierende oder die eher empathische Rolle einnehmen zu können.“

Jeder Tag erfordert Flexibilität

Einen typischen Arbeitstag gibt es für Anna Nienerowski und ihre Kolleg*innen in Berg Fidel nicht. Jeder Tag erfordert Flexibilität. Besonders in Krisensituationen gilt es mitunter, schnell zu reagieren. Unterstützung bei ihrer Arbeit finden sie im regelmäßigen Austausch: In der Fachberatung werden die Fälle besprochen. Hier können die Kolleg*innen sich beraten und rechtliche Aspekte klären. Das Teamgespräch, das durch zusätzliche Gespräche ergänzt wird, wenn ein Fall den Pädagog*innen besonders nahegeht, sowie die Supervision bieten weitere Möglichkeiten, die Arbeit zu reflektieren.

„Meine Arbeit ist nicht immer einfach, aber ich würde diesem Beruf nicht nachgehen, wenn er nur belastend wäre“, sagt  Anna Nienerowski. „Es greift zu kurz, meine Arbeit nur vom Aspekt der Belastung her zu betrachten. Durch unsere Unterstützung passiert auch viel Gutes. Familien entwickeln Lösungen und sind dafür sehr dankbar. Erfolgreiche Hilfeverläufe motivieren ungemein. Durch meine Familie – meine Mutter, Schwester und mein Onkel sind in ähnlichen Berufsfeldern tätig – wusste ich schon früh, dass ich mit Menschen arbeiten möchte. Und daran hat sich nichts geändert.“


Alexander Schneider
freier Journalist

Foto: Alexander Schneider

 

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