Wenn Seiteneinstieg keine Ausnahme ist

Kollegium der Sekundarschule Rheinhausen besteht zur Hälfte aus Seiteneinsteiger*innen

Zum Schuljahresbeginn konnten in NRW mehr als 4.000 der ausgeschriebenen 9.843 Stellen für Lehrkräfte nicht besetzt werden. Bunte Werbemaßnahmen und Lockangebote des Schulministeriums bringen noch keinen nennenswerten Erfolg. Besonders schlimm ist es in Duisburg, dort laufen schon monatelang Stellen leer. An der Sekundarschule Rheinhausen sind mittlerweile die Hälfte der Lehrkräfte Seiteneinsteiger*innen. Schulleiterin Martina Seifert berichtet von der Situation vor Ort.

Woran liegt es, dass junge Lehrkräfte lieber in anderen Städten unterrichten? Wie empfinden Sie die Situation an Ihrer Schule in Rheinhausen?

Martina Seifert: Ich bin ziemlich genervt. Das liegt vor allem daran, dass ich deutlich eine Bildungsapartheit feststelle. Schulen, in denen sich die Armut ballt, sind derzeit für Lehrer*innen nicht so attraktiv, wie die Schulen, die noch einen geregelten Ablauf und auch ein Leben nach dem Unterricht ermöglichen. Ich bin also weit entfernt davon, den Kolleg*innen hier einen Vorwurf zu machen. Fakt ist, dass die Arbeit in den Schulen hoch belastet ist, in denen man immer hart an den Widersprüchen der Gesellschaft arbeitet.

Wie sieht diese Belastung für Ihr Kollegium ganz konkret aus?

Martina Seifert: Die Kolleg*innen stehen an unserer Schule vor erheblichen Anforderungen, die sie erfüllen müssen. Wenn sie Erfolg haben wollen, müssen sie viel mehr Zeit aufbringen als Lehrer*innen, die sich noch in einer heileren Welt befinden. Wegen der besonderen Situationen, die die Schüler*innen mitbringen, müssen unsere Lehrer*innen auf höchstem Niveau unterrichten können. Sie brauchen die Bereitschaft zu kontinuierlicher Fortbildung und Kooperation im Kollegium. Das Erkennen der eigenen Situation und der gesellschaftlichen Einbeziehung ist unabdingbar, sonst wird man ärgerlich und frustriert.

Welche Unterstützung erwarten Sie von der Landesregierung?

Martina Seifert: Die notwendigen Forderungen hat die Initiative Schule³ der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule gut zusammengefasst: Lehrer*innen, die an einer Schule wie unserer arbeiten, müssten ein geringeres Stundenkontingent haben, um sich etwa der Beratung der Eltern und Schüler*innen sowie der zusätzlichen Anforderungen im Bereich der Vielfalt widmen zu können. Sie sollten Zulagen und erhöhte Fortbildungskontingente erhalten. Um den Arbeitsplatz attraktiv zu gestalten, ist es wichtig, dass die Lehrkräfte bei Beförderungen besonders bevorzugt werden. Unsere Kolleg*innen stellen schließlich tagtäglich unter Beweis, dass sie hochqualifizierte Lehrer*innen sind.

Die Hälfte der Lehrer*innen besteht aus Seiteneinsteiger*innen. Welche Vor- und Nachteile bringt die besondere Zusammensetzung des Kollegiums mit sich?

Martina Seifert: Als Vorteil sehen wir, dass sich die Sicht auf Schule und Unterricht durch die Kolleg*innen aus dem Seiteneinstieg fundamental verändert. Da kommen Menschen in die Schule, die eben nicht ihr Leben lang in Schule waren, sondern die kreativ und projektorientiert denken können. Sie zwingen uns, Strukturen aufzubrechen, die vor 100 Jahren entstanden sind und nicht mehr zeitgemäß sein können. Hier stellen wir fest, dass sich immer mehr fachübergreifende Projekte entwickeln.
Der Nachteil ist, dass diese Kolleg*innen chronisch unterbezahlt sind und ohne den berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst keinerlei Aufstiegschancen haben. Die Hälfte unserer Lehrer*innen verdienen zwischen 600 Euro und 2.000 Euro. Das ist absolut ungerecht und birgt natürlich Sprengkraft für ein Kollegium. Deshalb ist es notwendig, innerschulische Angebote zu machen, um Entlastung zu schaffen. Wir haben zum Beispiel schlaue Teamstrukturen entwickelt, die die Kolleg*innen stützen und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Diese Angebote müssten strukturell, finanziell und zeitlich abgesichert werden.

Was raten Sie Schulen, die keine oder zu wenig Stellen besetzen können? Und welchen Tipp würden Sie im Gegenzug Seiteneinsteiger*innen mit auf den Weg geben?

Martina Seifert: Schulen, die mehr und mehr Kolleg*innen aus dem Seiteneinstieg beschäftigen müssen, sollten die Lage positiv bewerten, Chancen wahrnehmen und gleichzeitig das politische und gewerkschaftliche Engagement mitdenken. Seiteneinsteiger*innen sollten sich die Schulen, zum Beispiel in Duisburg, einmal genauer ansehen. In jedem Fall können diese Kolleg*innen mit ihrer Expertise Schule mitgestalten. Würde diese Expertise mehr anerkannt werden, wäre alles natürlich auf einem viel besseren Weg. Das Gejammer über den bundesweiten Lehrkräftemangel bringt wenig. Genauso fatal wäre es allerdings, so zu tun, als könnte man den Seiteneinstieg en passant bewerkstelligen.


Die Fragen stellte Jessica Küppers.

Foto: Dilen_ua

1 Kommentar
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Kommentare (1)

  • Michael Twele Hallo,

    die Probleme rund um das Thema: „Lehrermangel“ sind hausgemacht und ziehen sich wie ein roter Faden durch weitere Themengebiete in der Kommunal- wie Bundespolitik durch.
    Unterrichtsausfälle können nur mit einem klaren Bekenntnis der zuständigen Ministerien zum „Quereinstieg“ ohne Benachteiligungen langfristig vermieden werden. Außerdem müssen diese Stellen endlich auch für diejenigen geöffnet werden, die bereits im Lehramt waren bzw. Ihr zweites Staatsexamen nicht bestanden haben, während gleichzeitig ein Absolvent als auch ein Quereinsteiger ohne jemals vor einer Klasse gestanden zu haben unterrichten dürfen.

    Diese Form der Diskriminierung mangels Abschluss kommt einen Berufsverbot gleich und ist verfassungswidrig.

    Gruß
    Michael
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