Seiteneinstieg neu denken

Nachhaltige Strategie gegen Lehrkräftemangel

Wenn Lehrer*innen fehlen, müssen Gegenmaßnahmen her – und zwar schnell! So wie der Seiteneinstieg, der die Kollegien jedoch zusätzlich belastet und die Unterrichtsqualität gefährdet. Stell’ dir mal vor: Ein Seiteneinstieg könnte viel mehr sein als eine unausgereifte Notlösung ...

Lehrkräftemangel produziert Seiteneinstiege

2018 verfügten bundesweit 13 Prozent aller neu eingestellten Personen in den Lehrberuf über keinen lehramtsbezogenen Studienabschluss. Das belegt eine Erhebung der Kultusministerkonferenz (KMK). Dass aus einem ursprünglich eher seltenen Phänomen ein zahlenmäßig relevanter Strang geworden ist, liegt am zunehmenden Lehrkräftemangel, der sich seit Jahren in den meisten Bundesländern aufbaut und nun die Unterrichtsversorgung massiv gefährdet. Die Schulministerien reagieren darauf, indem sie Sonderprogramme auflegen: Menschen, die jenseits der Lehrer*innenbildung in mindestens einem Fach bereits einen Hochschulabschluss haben, sollen als zusätzliche Lehrkräfte gewonnen und möglichst schnell in die Schulen gebracht werden. Ihnen wird entweder der Zugang zum Referendariat eröffnet (Quereinstieg) – oder sie werden direkt als unterrichtende Lehrkraft eingestellt und berufsbegleitend qualifiziert (Seiteneinstieg). Bundesweit  wurden 2018 mehr als 4.700 Seiteneinsteiger*innen eingestellt, in NRW waren es laut KMK-Erhebung 1.006.

Seiteneinsteiger*innen sind unzulänglich qualifiziert und zu stark belastet

Seiteneinsteiger*innen verfügen zwar über Berufserfahrungen außerhalb der Schule, die meisten treten aber ohne jede pädagogische Qualifizierung und meist auch ohne jede Unterrichtserfahrung in den Lehrberuf ein. Sie haben zwar das Studium in einem Unterrichtsfach abgeschlossen, aber ihnen fehlt nicht nur ein zweites Fach, sondern auch das komplette erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Studium einschließlich der Praktika. Sie müssen von Anfang an und weitgehend ohne jede Begleitung 18 Stunden oder mehr unterrichten. Für viele Anfänger*innen ist das eine Arbeitsbelastung, die sie an ihre Grenzen bringt. So verhindern Seiteneinsteiger*innen als Notmaßnahme zwar Unterrichtsausfall, aber Kompetenzansprüche an das Lehrer*innenverhalten und Qualitätsansprüche an den Unterricht bleiben häufig auf der Strecke, wie Erziehungswissenschaftlerin Susanne Miller von der Universität Bielefeld darlegt.

Erstaunlich ist, in welch unterschiedlichem Maße die Länder auf Seiteneinsteiger*innen zurückgreifen müssen: In Berlin und Sachsen erfolgten 2018 etwa 50 Prozent aller Neueinstellungen über den Seiteneinstieg; in Bayern, Saarland und Rheinland-Pfalz konnten hingegen fast alle Stellen mit voll ausgebildeten Lehramtsabsolvent*innen besetzt werden, sodass es dort fast keine Seiteneinstiege gibt. Nordrhein-Westfalen liegt mit 12 Prozent Seiteneinsteiger*innen im Mittelfeld.

Lehrkräftemangel ist mehr als ein zyklisches Problem

Über Lehrkräftemangel und die daran anknüpfenden Sondermaßnahmen wird immer dann diskutiert, wenn wieder einmal – so wie jetzt – massive Nachwuchsprobleme bestehen. Scheinbar handelt es sich um ein zyklisch auftretendes Versorgungsproblem, um eine aktuell auftretende und demnächst auch wieder verschwindende Krise, der mit kurzfristig geplanten, vorübergehenden Maßnahmen beizukommen ist. Und so schwinden das öffentliche und auch das wissenschaftliche Interesse wieder, wenn die Problematik nicht mehr so virulent ist.

Wie wäre es mit einem Perspektivwechsel? Wie wäre es, wenn wir Lehrkräftemangel vielmehr als eine kontinuierliche Begleiterscheinung einer normalen Schulentwicklung betrachten? Zwar existieren zyklische Wellen von Bedarf und Angebot. Aber auch in Phasen, in denen sehr viele qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen, bestehen sektorale Engpässe für bestimmte Regionen, Schulstufen und Unterrichtsfächer: Immer wieder gibt es Probleme der Versorgung im ländlichen Bereich. Lehrkräfte für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer, insbesondere für Physik, sind seit Jahren kontinuierlich knapp, phasenweise auch für Musik und Religion. Nichtgymnasiale Schulformen der Sekundarstufe I und II kämpfen in vielen Bundesländern mit erheblichen Nachwuchsproblemen. Und schließlich gehören Quer- und Seiteneinsteiger*innen – zum Beispiel Ingenieur*innen – für die berufsbildenden Schulen schon lange selbstverständlich zum Kollegium und sichern dort einer Studie von Bildungsforscher Klaus Klemm zufolge gegenwärtig etwa die Hälfte des Nachwuchses.

Guter Seiteneinstieg kann nur mit qualifizierter Lehrer*innenbildung gelingen

Wenn wir den Lehrkräftemangel als kontinuierlichen Faktor begreifen, lässt sich gut begründen, dass wir kontinuierlich auf  zwei Wege in den Lehrer*innenberuf setzen sollten: auf den grundständigen Weg, der über das Lehramtsstudium führt, und auf den zweiten Weg, der über Studienabschluss, Berufstätigkeit und Seiteneinstieg führt. Beide Wege sollten als gleichwertig angesehen werden und zu einer vollen Lehrbefähigung führen. Das bedeutet auch: Lehrkräfte müssen über beide Wege eine pädagogische und didaktische Professionalität erwerben, denn sie ist Voraussetzung für eine kompetente Unterrichts- und Erziehungsarbeit. Die aktuellen Notmaßnahmen können das nicht leisten. Wie könnte ein Seiteneinstieg gestaltet werden, der seinen Auftrag zur Ausbildung einer pädagogischen Professionalität ernst nimmt?

Zunächst gilt: Niemand soll ohne pädagogische Qualifizierung unterrichten. Deshalb müssen Seiteneinsteiger*innen im ersten Schritt die pädagogischen und (fach-)didaktischen Grundlagen ihrer Unterrichts- und Erziehungsarbeit lernen. Die Freie Universität Berlin hat als Modellversuch den Q-Master eingerichtet, einen viersemestrigen Masterstudiengang, in dem Seiteneinsteiger*innen neben bildungswissenschaftlichen Grundlagen auch die noch fehlenden Leistungen im zweiten Unterrichtsfach erwerben. Sie schließen ab mit dem Master of Education, der zum Eintritt in das Referendariat berechtigt.

Für eine professionelle Qualifizierung ist mit einem solchen Konzept gesorgt, einen schnellen Beitrag gegen den Lehrkräftemangel leistet es jedoch nicht. Zudem können sich die meist schon lebensälteren Berufswechsler*innen ein zweijähriges, selbst finanziertes Studium oft nicht leisten.

Als kontinuierliches Programm kann der Seiteneinstieg gleichwertig werden

Kann es ein Programm für den Seiteneinstieg geben, bei dem die pädagogische und fachliche Qualifizierung an erster Stelle steht, bei dem die Bewerber*innen aber zugleich ein auskömmliches Einkommen erhalten und die Personalprobleme der Schulbehörde ohne lange Wartezeit gelöst werden? Der folgende Vorschlag versucht die Quadratur des Kreises:

(a)    Die Bewerber*innen steigen in ein viersemestriges universitäres Programm ein und werden dort pädagogisch-didaktisch und in einem zweiten Fach qualifiziert. Für diese Zeit erhalten die Bewerber*innen einen Arbeitsvertrag als Aushilfslehrkraft von der Schulbehörde und ein entsprechendes Gehalt.

(b)    Neben ihrem Studium leisten die Bewerber*innen in den ersten beiden Semestern pädagogische Arbeit in der Schule, erteilen aber noch keinen Unterricht. Vielmehr sind sie
wöchentlich für circa zehn Stunden mit pädagogischen Aufgaben betraut – zum Beispiel als Förderlehrer*in, durch Angebote im Ganztagsbereich oder in der Begleitung von Projekten. Ab dem dritten Semester unterrichten sie in ihren beiden Fächern unter Anleitung etwa zehn Stunden pro Woche.

(c)    Nach dem vierten Semester erfolgt das Examen zum „Master of Education“ und der Eintritt in den berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst, der auf zwölf Monate verkürzt wird. Währenddessen wird bei einer Unterrichtsbelastung von circa 14 Stunden das bisherige Gehalt weitergezahlt. Nach diesem Jahr legen die Bewerber*innen die zweite Staatsprüfung ab und beenden damit die Lehramtsausbildung.

Von zentraler Bedeutung wäre nun, dass dieser zweite Zugang zum Lehrberuf auf Dauer möglich ist. Er darf nicht länger eine zeitlich befristete Sondermaßnahme sein, sondern muss kontinuierlich als Ausbildungsweg vorgehalten werden: Der Q-Master sollte an möglichst vielen Universitäten mit Lehrer*innenausbildung angeboten werden und im Zulassungsverfahren sollten die jeweils aktuellen Mangelfächer berücksichtigt werden. So entsteht ein dauerhaftes Angebot für Berufswechsler*innen, das der regulären zweiphasigen Lehrer*innenbildung inhaltlich und formal gleichwertig ist. Wenn sich dann auch noch die Erziehungswissenschaft diesem neuen, zweiten Weg zuwenden würde, um zum Beispiel über Qualifikationsprozesse beim Seiteneinstieg zu forschen, wäre eine neue Normalität hergestellt: Seiteneinstieg nicht als Notprogramm, sondern als einer von zwei regulären Wegen zum Lehrberuf.


Klaus-Jürgen Tillmann
Erziehungswissenschaftler und bis 2008 Professor für Pädagogik und Didaktik der Sekundarschule an der Universität Bielefeld

Illustration: iStock.com / ikuvshinov

1 Kommentar
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Kommentare (1)

  • Katja Wohlgemuth Lieber Kollege Tillmann,
    obwohl ich dir in weiten Strecken zustimme, ja deine Idee des zweiten Weges zum Beruf Lehrkraft für eine gute Lösung halte, muss ich an einer Stelle deutlich Kritik üben. Es geht dabei um den Begriff Förderlehrer*in, der ja für viele auch für den Bereich der Sonderpädagogik verwendet wird.
    Gerade dieser Bereich aber macht erfahrenes pädagogisches Handeln notwendig, ja oft sagen mir (Sonderpädagogin, Deutsch, PP) die KollegInnen aus dem Regelschulfach, dass auch ihnen, den voll ausgebildeten Lehrkräften gerade dieser Teil im Studium zu kurz kam. Die Arbeit einer Förderlehrkraft geht ja pädagogisch deutlich über einen Fachunterricht hinaus. Seiteneinsteiger in Ausbildung können diese Arbeit sicher nicht leisten. Ich vermute, dass hier im Artikel der Begriff falsch gewählt wurde und eigentlich ein Helfen im Unterricht, ähnlich der Arbeit einer Integrationsbegleitung, aber besser ausgebildet und vor allem besser bezahlt, gemeint war.
    Im Sinne einer Klarstellung :)
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