Schulleitung: Sprung ins kalte Wasser

Neu in der Leitungsrolle

Marion Mähler* hatte gerade ihre neue Stelle als stellvertretende Schulleiterin an einem Gymnasium angetreten. Als kurze Zeit später der Schulleiter krank wurde, musste sie einspringen und kommissarisch eine Schule leiten, die sie selbst kaum kannte.

„Dafür sind Stellvertreter ja da“, sagt Marion Mähler lapidar. Seit sie die Herausforderung vor einem Jahr angenommen hat, leitet sie das Gymnasium im Rheinland alleine. „Im Prinzip mache ich zwei Jobs gleichzeitig“, sagt sie. Durch die Doppelbelastung und ihre neue Rolle hat sich für die Endfünfzigerin vieles verändert. „Die Verantwortung ist noch größer geworden. Man muss schon ein ziemlich gutes Zeitmanagement haben, um das zu bewältigen.“ Aber: Freiräume schaffen, um Belastung abzupuffern, das hat sie noch nicht geschafft. Sie hofft auf das neue Schuljahr: „Bestimmte Sachen gehe ich routinierter an.“ Auch weil sie die Schule inzwischen besser kennt.

Qualifizierung allein reicht nicht

Gut vorbereitet hat sie sich nicht gefühlt – trotz der Qualifizierung für Schulleiter*innen. „Das reicht alleine nicht.“ Dass sie schon als Beratungslehrerin oder Leiterin des Stundenplanbüros gearbeitet hat, sieht sie hingegen als Vorteil für den Sprung ins kalte Wasser. „So kann ich mich in viele Sachen hineindenken und kenne die Abläufe.“ Zudem profitiere sie von ihrer Erfahrung und gehe damit manches gelassener an. Vorübergehend soll sie ein Schulleitungscoach unterstützen.

„Ich habe den Beruf als Lehrerin aus Berufung gewählt und würde das wieder so machen.“ Über verschiedene Funktionen hat Marion Mähler sich hochgearbeitet bis zur stellvertretenden Schulleiterin. „Wenn ich Leute um mich herum habe, die mit mir an einem Strang ziehen, ist das einfacher zu leisten.“ Motivierend findet sie ihr „einzigartiges Kollegium“, das aus rund 100 Lehrkräften besteht: relativ jung, keine Versetzungsanträge. Das sei ein Indiz dafür, dass eine gewisse Zufriedenheit herrsche und das Arbeitsklima okay sei.

Auf die Frage, worauf es ihr bei der Arbeit besonders ankomme, findet Marion Mähler schnell eine Antwort: „Transparenz ist mir wichtig“, sagt sie. „Dass Entscheidungen mitgetragen werden. Ich kann nicht irgendetwas überstülpen, sondern ich muss das Kollegium ebenso wie andere Gremien mitnehmen.“ Das mache es auch einfacher, Beschlüsse, die einem nicht so passen, zu akzeptieren oder mitzutragen. Teamarbeit will sie in Zukunft noch stärker verankern. Auf ein gutes Verhältnis zur Elternschaft und zur Schüler*innenvertretung, mit denen sie gemeinsam agiert, legt sie Wert. 2018 wurde zum Beispiel kurzfristig ein kleines Sommerfest organisiert – mit positiven Rückmeldungen. „Das geht nur, wenn die Leute motiviert sind.“

Und wie sehen die nächsten Schritte aus? Zu den Baustellen gehört es, den Ruf der Schule aufzupolieren, damit die Anmeldezahlen wieder steigen. Angesichts des Rückgangs um einen Zug frage sie sich schon, woran das liegt. Sie möchte das Verhältnis zu Nachbarschulen verbessern und auf Grundschulen zugehen, um Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit zu finden.

Nachdem sie es erst vorgezogen hatte, als stellvertretende Schulleiterin zu arbeiten, ist ihr persönliches Ziel jetzt die Schulleitung. Das Kollegium unterstütze die Bewerbung, erzählt sie.

Wertschätzung ist das A und O

„Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich hätte keinen Stress. Aber es ist mehr ein positiver Stress“, sagt Marion Mähler.
Hilfreich sei es, wenn man im Team gut zusammenarbeiten könne. Sport und Reisen sind ein Ausgleich. Für die Ferien hatte sie sich vorgenommen, sechs Bücher in sechs Wochen zu lesen.

Zum Start ins neue Schuljahr denkt sie darüber nach, was eine gute Schulleitung ausmacht. „Man kann nicht alle glücklich machen. Aber wenn man es bei der Mehrheit hinkriegt, ist das schon gut.“ In dem großen System gebe es immer Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen. Wichtig sei die Wertschätzung. „Das Kollegium und auch die Mitglieder der Schulleitung sollen mitbekommen, dass die Arbeit, die sie leisten – und sie leisten hier richtig gute Arbeit –, auch anerkannt wird. Sie freuen sich auch mal über ein ernst gemeintes Danke.“ Dazu gehöre es auch, dass Kolleg*innen eigene Ideen umsetzen und Verantwortung übernehmen können. „Wenn sie selbstständig handeln, befreit mich das ja auch.“

Rahmenbedingungen könnten besser sein

Während andernorts Schulen top saniert und digital up to date seien, arbeiteten sie noch mit Kreide, sagt Marion Mähler. Immerhin stehe jetzt in jedem Fachraum ein Beamer. „Dass zwischen den Kommunen ein großes Gefälle besteht“, empfindet die kommissarische Schulleiterin als sozial ungerecht. Mehr Sporthallenzeiten und mehr Schulsozialarbeiter*innen stehen auf ihrer Wunschliste ganz oben. „Das müsste heute Standard sein, auch am Gymnasium. Egal aus welcher Schicht unsere Schüler*innen kommen – die haben alle ihre Probleme.“

Trotz der nicht optimalen Rahmenbedingungen empfindet sie ihre neue Aufgabe als Bereicherung. „Ich habe eigentlich nur dazugewonnen“, sagt Marion Mähler ohne zu zögern. Zufriedenheit im Job und die Möglichkeit, gestalten zu können, stehen dabei ganz oben. „Schule entwickelt sich. Ich würde mir wünschen, dass wir unsere Schüler*innen noch ein bisschen besser individuell fördern könnten.“ Aus der zweiten Reihe heraus – wie sie die stellvertretende Schulleitung nennt – halte man sich erst einmal zurück. „Als kommissarische Schulleiterin hat man mehr Möglichkeiten.“ Derzeit nicht zu unterrichten, findet sie aber sehr schade, und sie hofft, dass sie bald wieder selbst Unterricht geben kann, um den Bezug zum eigentlichen Lehrer*innenberuf nicht zu verlieren.

*Name von der Redaktion wegen
eines laufenden Bewerbungsverfahrens geändert


Rüdiger Kahlke
freier Journalist

Foto: wellphoto / stock.adobe.com

 

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