Neustart als Lehrer in Deutschland

Ein Hürdenlauf zum Traumberuf

Nach der Flucht wieder als Lehrer*in arbeiten – diese Idee steckt hinter dem Programm „Lehrkräfte Plus“. Die ersten Bochumer Absolvent*innen dürfen nun in ihrem alten Beruf arbeiten. Einer von ihnen ist Mohammad Altaher, ein Englischlehrer aus Syrien.

„Jetzt bin ich hier in Mönchengladbach und glücklich, in Kürze wieder als Lehrer an einer Realschule arbeiten zu dürfen. Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Mohammad Altaher. Dass er irgendwann wieder unterrichten würde, daran war zu Beginn seiner Flucht aus Syrien nicht zu denken: „In meiner Heimat war alles kaputt, alles wog sehr schwer. Es ist kaum vorstellbar, was das für eine Strecke ist, die hinter uns liegt“, erzählt der heute 32-Jährige, der über die Türkei und Griechenland schließlich nach Deutschland floh. Abgerundet sind das 3.500 Kilometer – oder 3,5 Millionen Schritte. Diesen Weg nahm er größtenteils zu Fuß, aber auch mit Bus und Bahn auf sich. Eine seiner Cousinen begleitete ihn. Drei Jahre ist das jetzt her.

Traumberuf: Englischlehrer

Bevor die Konflikte begonnen haben, studierte Mohammad in Syrien Anglistik und arbeitete anschließend an einer Middle und High School. Eine Inspiration, Lehrer zu werden, fand er in seinem Hauptfach Englisch: „Der Lehrer konnte mir den Spaß an der Sprache vermitteln und war immer freundlich. Er hat uns beim Lernen wirklich unterstützt. Später dachte ich mir dann: Vielleicht sollte ich das auch tun.“

Ab dem Jahr 2011 lenkte der Krieg seinen Weg schließlich in eine andere Richtung – bis jetzt. In Deutschland sollte es weitergehen, aber wenn man nur ein einziges Fach unterrichtet hat, das im Ausland akkreditiert wurde, ist es hier nur bedingt möglich, als Lehrer*in zu arbeiten. Mohammad realisierte schnell, dass er sich beruflich umorientieren muss: „Vielleicht sollte ich mir einen neuen Beruf suchen, eine Ausbildung machen. Häufiger hörte ich ‚Such dir was anderes‘. Dieser Gedanke fiel mir sehr schwer.“ Bei einer Recherche im Internet wurde er schließlich auf das Programm „Lehrkräfte Plus“ aufmerksam und bewarb sich.

Pilotprojekt für geflüchtete Lehrer*innen

Das Programm startete im April 2018 zum ersten Mal an der Ruhr-Universität Bochum. Momentan gilt das Angebot nur für Mangelfächer wie Chemie, Physik, Mathematik, Sport, Französisch oder eben Englisch.

Was erst einmal nach einer guten Lösung klingt, brauchte am Ende vor allem eine große Portion Glück. Mohammad setzte sich in der Auswahlphase mit 24 weiteren Bewerber*innen gegen 470 andere durch: „Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal beim ‚Welcome Café‘ des Sozialdienstes katholischer Männer bedanken. Dort halfen sie mir, mich auf die Bewerbung vorzubereiten.“ Inzwischen spricht er Deutsch auf C1-Niveau und konnte das hiesige Bildungssystem kennenlernen. „Man darf den Glauben an sich und seine Fähigkeiten nicht verlieren“, sagt er heute.

Teilnehmer*innen profitieren nachhaltig vom Netzwerk

Ziel von „Lehrkräfte Plus“ ist es auch, von den nötigen Didaktikkursen, einem pädagogisch-interkulturellen und einem begleiteten Schulpraktikum sowie einer Beratung über berufliche Perspektiven zu profitieren. Seine Zeit im Programm empfand Mohammad als überaus positiv, vor allem wegen der differenzierten Betreuung und des Kontakts zu Kommiliton*innen: „Die Beteiligten des Programms sind immer hilfsbereit und wollen unser Ziel unterstützen. Das hat sich auch nach der Qualifizierung nicht großartig geändert. Wir können weiterhin Fragen stellen. Alternativ diskutieren wir Absolvent*innen manche Themen auch über WhatsApp.“ 

Vor allem zu Beginn des Programms fielen ihm immer wieder Unterschiede zwischen dem deutschen und dem syrischen Schulsystem auf, die es zu besprechen gab. „Die Unterstützung im Schulpraktikum durch Mentor*innen war eine echte Bereicherung, weil wir so gemeinsam die Beobachtungen oder auch die Gestaltung der Unterrichtspläne besprechen konnten“, erklärt Mohammad die Vorgehensweise. Bei den ersten Unterrichtsbesuchen beobachteten die „Lehrkräfte Plus“ zuerst die Stunden, bevor sie im Team mit den Lehrer*innen arbeiteten. Danach übernahmen sie schrittweise immer mehr Aufgaben, bis sie schließlich ihren eigenen Unterricht gestalteten. „Natürlich war das alles erst einmal nicht einfach – auch wenn es Spaß macht. An der Realschule an der Niers in Mönchengladbach, wo ich mein Schulpraktikum machte, waren die Schulleitung und das Kollegium immer hilfsbereit. Aller Anfang ist schwer, aber Geduld zahlt sich aus.“

Ehrenamtlicher Übersetzer und Unterstützer für Flüchtlinge

Neben den Dingen, die sich in seinem Leben momentan beruflich entwickeln, hat er aber nicht viel Freizeit. Auch über die Schule hinaus hilft Mohammad Geflüchteten, in Deutschland anzukommen und sich hier zu orientieren. Er übersetzt zum Beispiel ehrenamtlich oder hilft jungen Menschen bei den Hausaufgaben. Als Englischlehrer weiß er, dass Sprache eine Kernkompetenz ist, die gerade für fremdsprachliche Kinder entscheidend ist. Denn wie sonst sollen sie sich selbst auszudrücken lernen und Inhalte verstehen, die nicht in ihrer Heimatsprache vermittelt werden? „Bei meiner ehrenamtlichen Lehrtätigkeit bei der Arbeiterwohlfahrt habe ich bei einigen jungen Menschen gute Sprachkenntnisse erlebt. Es gibt aber auch solche, die mehr Zeit und Praxis brauchen. Keiner lernt Sprachen von einem auf den anderen Tag perfekt. Wir sollten beim Lernen riskieren können, Fehler zu machen, um uns durch diese zu verbessern.“

Bald geht es für Mohammad an der Realschule Volksgarten in Mönchengladbach richtig los. Er will von Anfang an mit dem Kollegium zusammenarbeiten und legt Wert auf gut vorbereiteten Unterricht. Den Anfang für seinen Neustart hat der 32-Jährige bereits gemacht: Während einer dreiwöchigen Hospitation lernte er sein neues Kollegium und die Englischklassen schon einmal kennen. „Ich freue mich schon sehr auf die Realschule. Dafür habe ich das letzte Jahr gearbeitet.“


Alexander Schneider
freier Journalist

Foto: Alexander Schneider

 

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